Der erste Herbststurm

Erwin Eiche schloss die Augen. Er liebte das Kribbeln, wenn der Wind leicht durch seine Baumkrone fuhr. Seine Blätter und Äste raschelten leise. Das Bäumchen wiegte sich sacht und lauschte seiner eigenen Musik.

Dann musste Erwin an etwas denken. Er zog verstimmt die hölzerne Stirn in Falten: Dies waren die letzten lauen Lüftchen des Sommers. Bald würde der Herbst kommen und Stürme mit sich bringen, die ihm nicht nur die Blätter entreißen, sondern auch kräftig an ihm zerren würden.

Doch die großen Eichen hatten ihn darauf vorbereitet. Konzentriert machte er sich sofort an seine Übung: Mit den Wurzeln fest im Boden stehen, der Stamm ist gerade und aufgerichtet, die Krone erhoben. „Ja, so müsste es klappen“, dachte er entschlossen bei sich, obwohl einige seiner Äste etwas zitterten.

 

Die ersten Tage des Herbstes waren wunderschön. Zum ersten Mal färbten sich seine grünen Blätter in ein leuchtendes Gelb, Orange und warmes Rot. Stolz über sein neues Kleid, stand er da und ließ sich von der Nachmittagssonne wärmen.

Er freute sich mit den Kindern, die in seinem Raschellaub tanzten. Mit fröhlichem Jauchzen ließen sie den Drachen steigen. Erwin verschob bei den wilden Manövern des bunten Fliegers, seine Baumkrone extra ein wenig zur Seite, nach vorne und nach hinten, damit er sich nicht in seinen Ästen verfing.

Es kamen die letzten Oktobertage. Schon am Morgen zogen dunkle Wolken auf. Erwin wusste: Jetzt wird es ernst. Erst kam der Wind leicht von der Seite. Erwin brauchte sich noch nicht anzustrengen. Dann begann es zu regnen und der Wind wurde stärker. Das Blätterrascheln der kleinen Eiche klang nun wie ein tosendes Meer. Erwin machte das, was ihm die großen Eichen gesagt hatten: Mit den Wurzeln fest im Boden stehen, der Stamm ist gerade und aufgerichtet, die Krone erhoben.

Er hatte seine Augen fest geschlossen und konzentrierte sich ganz auf das Geradestehen. Sehen konnte eh nicht viel, denn der Regen peitschte an seinen Stamm und herumwirbelnde Blätter versperrten die Sicht. Der Sturm zerrte stark an seiner Krone, sodass sie zur Seite gebogen wurde. Erwin musste kräftig dagegen halten. Doch seine Wurzeln waren sicher, tief in der Erde verankert, sein Stamm war fest.

Langsam, ganz langsam merkte die kleine Eiche, wie der Druck schwächer wurde. Der Wind hatte aufgehört, an seinen Zweigen zu rütteln. Der Sturm war vorübergezogen. Erleichtert und etwas matt, öffnete Erwin die Augen. Er streckte seine Wurzeln, wackelte vorsichtig mit seiner Krone. Alles war noch dran. Er hatte es geschafft.

Die alten Eichen um ihn herum waren sehr stolz auf Erwin und die kleine Eiche war es auch. Er war stark. Mit den Jahren würde sein Stamm immer dicker und seine Baumkrone immer dichter werden, sodass er noch viele Herbststürme überstehen würde.