Hexe Isolde sucht Farben im Winterwald

Grau in Grau ist der Winter mau!

„Urrgh. Ist das kalt! Wie wenig ich doch diesen ollen Winter mag!“ Die kleine Hexe Isolde stand bibbernd vor ihrem Hexenhaus, die Schultern bis zu den Ohren hochgezogen. Ihre Nase verschwand in dem langen, kuscheligen Schal, den sie sich vier Mal um den Hals gewickelt hatte. Der Winter hatte ihre Beschwerde wohl gehört, denn er schickte einen extra eisigen Wind durch die kahlen Äste der Bäume zu dem zeternden Hexlein hinunter. „Froschspucke und Fliegendreck! Das war jetzt aber wirklich gemein!“, rief Isolde entsetzt und hielt schnell ihren rosaroten Rock über der himmelblauen Strumpfhose fest. Dabei hatte sie sich so weit vorgebeugt, dass die Enden des moosgrün und veilchenblau geringelten Schals nun über ihre Stiefelspitzen hingen. Es brauchte nur einen kleinen Trippelschritt, um unsere kleine Hexe ins Stolpern zu bringen…

„Ahhh! Ohh! Neeein! Ich werde jetzt niiicht hiiinfaaaall…“ Isolde ruderte kräftig mit den Armen und versuchte mit ein paar krakseligen Vorwärtsschritten das Gleichgewicht zu halten. Mit einer unbeabsichtigt schwungvoll eleganten Drehung kam sie schließlich zum Stehen. „Puh, das war knapp“, flüsterte sie atemlos. Isolde legte den Kopf schief. Ihre geröteten Wangen wurden von einem breiten Lächeln so rund wie Äpfelchen. Isolde stemmt die Hände in die Hüfte und rief fröhlich frech in den Winterwald hinein: „Ha! Das hast du dir wohl so gedacht! Nichts kann eine starke Hexe so wie ich eine bin aus den Socken – ähhmm und auch nicht aus Stiefeln, die ich wegen deines frostigen Atems über den Socken tragen muss – hauen! Was hast du sonst noch zu bieten?!“ Isolde schaute sich mit erhobenen Augenbrauen um. „Nicht einmal Schnee hast du in diesem Jahr gebracht! Der Frühling hat mir sein zartes Grün, der Sommer warmes Gelb gezeigt und von dem Herbst mit seinem herrlich leuchtenden Orange, Rot und Kastanienbraun brauchen wir erst gar nicht zu reden! Bei dir ist alles ist schrecklich langweilig grau in grau! Was soll das?“ Wieder zupfte ein eiskalter Wind an Isoldes wilden Locken. Doch die schüttelte nur den Kopf. Sie stapfte grimmig zu ihrem Hexenhaus zurück und ließ die schiefe Tür mit einem lauten Knall hinter sich zufallen.

Was hilft immer, wenn der Bauch wütend grummelig ist? Richtig! Man schüttet einen süßen Kakao hinein, der schön prickelig nach Pfefferminze schmeckt. Und noch einmal richtig geraten: genau das hatte auch Isolde vor! Sie wickelte – und verwickelte dabei zweimal – sich den Schal ab, schleuderte die Stiefel von den froschgrünen Socken in die Ecke und … atmete erst einmal ganz tief durch. „Was ist aus dem Spaziergang geworden? Du warst ja nicht besonders lange weg. Hast du mir trotzdem etwas mitgebracht?“, ließ ihr da eine krächzende Stimme kaum Zeit, sich wieder zu fassen. Isolde ließ sich mit einem „Uff“ in ihren Knautschesessel fallen. Das Hexlein legte den Kopf schief und spähte zu dem zerzausten Uhu Kunibert hinauf, der sie mit seinen großen gelben Augen erwartungsvoll anschaute. Ihre Stimme klang honigsüß, aber es war ein Grollen darin zu hören, als sie ihren neugierigen Freund fragte: „Hast du denn schon für mich einen Pfefferminz-Kakao vorbereitet?“ Der Uhu schüttelte erbost sein Gefieder. „Erstens wusste ich nicht, wann du wiederkommst, zweitens nicht, dass du stinksauer bist und drittens“ Er hob seine Flügel leicht von seinem rundlichen Körper ab. „habe ich keine Hände und kann auch nicht zaubern!“ Isolde winkte müde ab. „Tut mir leid, alter Freund. Du kannst ja nichts dafür.“ Während sie sich aus dem kuscheligen Sessel schob, warf sie noch einmal einen Blick zu dem Grau hinter ihrem Fenster. „Der Winter aber schon! Nicht nur, dass er das Versprechen auf ein Weiß in diesen grauen Tagen gebrochen hat, er wollte mich mit seinen fiesen Kälte-Puste-Winden auch noch umschubsen! Aber nicht mit mir!“ Sie streckte sich und streichelte über die weichen Federn auf Kuniberts Brust und seufzte: „Dann machen wir es uns halt hier drinnen mit einer Tasse Pfefferminzkakao gemütlich!“

Isolde saß, die Hände um die warme Kakaotasse geschlungen, tief über ihr Hexenbuch gebeugt. Kunibert ließ sich neben ihr auf der Armlehne des Knautschesessels nieder. Der Uhu reckte seinen kurzen ganz weit nach vorne, um auch einen Blick auf die schon leicht gewellten und mit Spritzern von Zaubertränken beklecksten Seiten werfen zu können. „Wonach suchst du genau? Den Winter wirst du mit keinem Zauberspruch verjagen können“, belehrte er das Hexlein in all seiner Uhu-Weisheit. Isolde nickte unbeeindruckt mit ihrem veilchenblauen Lockenkopf, ohne den konzentrierten Blick von den magischen Seiten zu heben. Kunibert versuchte es weiter: „Da du ja über das gleiche Wissen wie ich zu verfügen scheinst, ist dir auch klar, dass eine Hexe auf keinen Fall in den Lauf der Natur eingreifen darf?!“ Jetzt hob Isolde doch den Kopf. „Wie kommst du darauf, dass ich den Winter weghaben will? Alle Jahreszeiten sind wichtig! Ich möchte ihn nur … etwas schöner gestalten. Wenn der Winter sich nur in grauem Gewand zeigt, muss ich eben selbst Farben darauf zaubern!“ Sie nahm einen großen Schluck von ihrem Pfefferminz-Kakao und verkündete mit einem Schokobart über den kirschroten Lippen: „Und den passenden Zauber habe ich auch schon dafür gefunden!“

Den Schal viermal um den Hals gewickelt, stand Isolde wieder vor der Tür ihrer Hexenhütte. Dieses Mal allerdings voller Vorfreude, die Zauberstaubhand erhoben und den flotten Zauberspruch auf den Lippen:

Farbenspaß kaum raus aus dem Marmeladenglas!

Rot, Grün und Gelb will ich sehen! Das olle Grau soll vergehen!

Froschhopser zu der Ente auf dem Floß –

Auf los geht`s los!

Sie ließ den Schwungarm sinken und schaute sich gespannt auf den Stiefelspitzen wippend nach links und rechts um. Dann nach rechts und links. Isolde zuckte mit den Schultern. „Vielleicht war ist nur hier vorne nichts zu sehen…“, murmelte sie vor sich hin. Das Hexlein ging einmal um ihr Häuschen herum. „Nichts! Puffwolken nichts ist passiert!“, schimpfte sie und stapfte verärgert die letzten Schritte extra laut. Isolde reckte die spitze Nase hoch und kehrte dem Grau enttäuscht den Rücken zu. Kunibert, der immer noch auf der Lehne des Knautschesessels mit dem Kopf unter seinem weichen Gefieder gesessen hatte, machte vor Schreck einen kleinen Hüpfer, als sich Isolde neben ihm in die weichen Kissen fallen ließ. Er schüttelte sich einmal kräftig, sodass ein paar Plusterfedern flogen und schaute das Hexlein mit einem aus einem goldenen Auge – denn das andere hatte er zugekniffen – an. „Es hat nicht geklappt, oder?“, krächzte er etwas zu besserwisserisch. Isolde funkelte ihn wütend an. „Ich habe NICHTS falsch gemacht! Der Spruch war richtig! Der Zauberstab hat genau richtig durch die Luft gewuscht!“ Kunibert legte seinen Uhu-Kopf schief. „Und doch hast du etwas Wichtiges vergessen.“ Isolde verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und versank noch etwas tiefer in dem Knautsch des Knautesessels. „Na schön! Du hast wie immer recht… Aber ich kann mir den Winter in meinen Wunschfarben einfach nicht vorstellen. Wenn ich an den Winter denke, fällt mir immer nur Schneeweiß ein! Und Weiß gefällt mir auch nicht so besonders, weil es eben keine Farbe ist!“

Kunibert flatterte auf ihr Knie. „Das genau ist der Grund, warum dein Zauberspruch nicht gelungen ist! Für einen Zauber spricht man nicht einfach nur die Worte. Nur wenn du wirklich an das glaubst, was du zaubern möchtest, fließt deine Magie in die Worte und lässt den Zauber wirken.“

„Ja, ja… UHAHH“ Isoldes Augenlider waren ganz schwer. Sie gähnte laut. „Das ganze Grau macht mich ganz müde.“ Kunibert hüpfte noch ein Stückchen zu seiner Freundin hinauf und kuschelte sich an ihre Seite. „Ein Schläfchen ist nie eine schlechte Idee. Vielleicht träumst du ja von deinen Winterfarben und kannst den Zauber später mit einer besseren Vorstellung noch einmal versuchen.“ Isolde brachte nur ein halbes Nicken zustanden, während sie schon leise anfing zu schnarcheln.

Nicht verzagen: Wir finden die Farben!

Es klopfte ganz zaghaft am Fenster. TIK TIK TIK Isolde öffnete ein Auge und murrte: „Kunibeeert, kannst du bitte aufhören mit dem Schnabel zu klappern?! In meinen Träumen war immer noch alles weiß. Ich muss also noch weiter träumen!“ Der Uhu antwortete nicht. Isolde schielte auf ihren tief schlafenden Freund hinab. Kein Pieps kam von ihm – und auch kein Schnabelklappern. Aber das TIK TIK TIK war erneut zu hören! Das Hexlein blickte auf. „Das kommt von draußen“, stellte sie erstaunt fest und schob sich vorsichtig, um Kunibert nicht zu wecken, aus dem Sessel. Schnell tapste Isolde über den knarzenden Fußboden zum Fenster.

Was sie da sah, ließ ihr Herz schneller schlagen. Es hatte geschneit! Die kahlen Äste der Bäume, Steine, Strauch und Wurzelstrang: alles war von einer Puderschicht bedeckt. Alles war … schneeweiß. Isolde war ganz seltsam zumute. Die Freude über den Schnee, die sie doch jetzt irgendwie spüren sollte, steckte irgendwie fest. Etwas Schweres, hatte sich darüber ausgebreitet wie klebriger Krötenschleim: das Gefühl der Enttäuschung ließ die Freude einfach nicht zu ihrem Herzen durch. Isolde wusste nicht, ob der Winter sich mit dem Schnee bei ihr für den kalten Brausewind heute Morgen entschuldigen wollte, oder ob der Zauber doch irgendwie gewirkt hatte – aber das Ergebnis war eben nicht das gewünschte.

Da entdeckte Isolde ein kleines Etwas, dass auf der anderen Seite der kalten Fensterscheibe vor ihr auf und ab schwebte: Es hatte einen winzigen Körper so puschelig weiß, als wäre er aus einer Schneewolke geformt. Die Eiskristalle rund um sein Köpfchen blitzten in der Sonne hell auf, als es Isolde mit Winken und lustigen Luftpurzelbäumen zur Tür hin und wieder zu Isolde am Fenster zurück, bedeutete, doch zu ihm herauszukommen. Die neugierige Hexe überlegte nicht lange. Sie schnappte sich ihren Schal und schlüpfte in einen viel zu weiten Mantel, aber wegen der großen Taschen sehr praktischen Mantel.

„Hallo? Bist du da?“, fragte Isolde vorsichtig in die Stille des Schneewinterwaldes hinein, während sie auf einem Bein hoppsend, den zweiten Fuß noch nicht ganz im Stiefel hatte. „BIN ICH! Schön, dass DU auch da bist!“ „Ahhh! Nicht schon wieeed…!“ Das Schneeflöcken war so plötzlich und so nahe vor dem Gesicht des Hexleins aufgetaucht, dass sie heute zum zweiten Mal über ihre Beine stolperte. „Oh, entschuldige! Das wollte ich nicht! Du musst Nachsehen mit mir haben. Ich bin erst eben vom Himmel gefallen. Für mich ist alles so neu und aufregend!“ Das Schneeflöckchen reichte sein weiches, kaltes Puschelhändchen dem Hexlein, das auf seinem Po gelandet war. Isolde lächelte gutmütig zu ihm hinauf. „Für deine Hilfe danke ich dir, aber du bist wohl noch etwas zu klein, um mir hochhelfen zu können.“ Isolde ordnete ihre Füße unter dem weiten Rock und war mit einem Hexensprung wieder auf den Beinen. Dann griff sich nach dem kalten Puschelhändchen der Schneeflocke und schüttelte sie. „Isolde ist mein Name. Und ich freue mich riesig, dich kennenzulernen! Was verschafft mir denn die Ehre deines Besuchs im Zauberwald?“

Das Schneeflöckchen blinzelte die Hexe mit seinen eiskristallblauen Äugelein an. Verlegen erzählte es: „Ich habe von meiner Schneewolke aus gehört, dass du ein wenig enttäuscht von dem Winter bist, weil er keine Farben bringt.“ Es schaute erst an seinem weißen Puschelkörper und dann an dem wilden Farbenmix von Isoldes Kleidung herunter und stellte fest: „Du magst Farben ziemlich gerne.“ Das Schneeflöckchen schaute Isolde hoffnungsvoll an. „Was, wenn der Winter doch noch ein paar Farben zwischen dem Weiß und Grau versteckt hat? Wir könnten uns ja auf die Suche danach machen. Zusammen.“ Isolde war in heller Aufregung: Sie trippelte auf der Stelle, klatschte in die Hände und kicherte gleichzeitig. „Das ist eine richtig tolle Idee! Lass uns keine Zeit verlieren! Froschhopser zu der Ente auf dem Floß – Auf los geht`s los!

In der Eile hatte die kleine Hexe überhaupt nicht daran gedacht, ihren Zauberstab mitzunehmen…

„Warte! Ich bin kein leichtes Schneeflöckchen, das munter schweben und sausen kann!“ Isolde stapfte durch den Schnee und warf sich grummelnd das immer wieder nach vorne fallende Schalende um den Hals. Das Schneeflöckchen hielt sofort inne und rief: „Ich habe gar nicht gemerkt, wie weit ich schon vorausgeflogen bin. Es ist alles so …“ Isolde grinste. „Neu und aufregend?“ „Genau!“ Das Schneeflöckchen grinste ebenfalls und ließ sich auf einem kleinen Bäumchen nieder. Während es wartete, bis Isolde aufgeholt hatte, lehnte es sich an einen Ast, um kurz auszuruhen. Der war allerdings nicht sehr stabil – etwas davon fiel sogar hinab in den weißen Schnee. „Oh, nein! Habe ich etwas kaputt gemacht?“, fragte das Schneeflöckchen besorgt. Isolde bückte sich nach dem Etwas im Schnee. Mit vor Freude leuchtendem Gesicht, ließ sie es in ihrer Hand hin und her kullern. „Keine Sorge, liebes Schneeflöckchen. Sie sind noch ganz und die Vögel werden sich noch darüber freuen!“ Neugierig kam das Schneeflöckchen heruntergeflogen. „Was mögen die Vögel?“ Isolde streckte ihm die offene Hand hin. „Diese Beeren!“ Staunend betrachtete das Schneeflöckchen die kullernden Kugeln und schaute von ihnen ganz ehrfürchtig zu dem Bäumchen hinauf. „Obwohl es so kalt ist, trägt dieser Baum immer noch Früchte, damit die Vögel etwas im Winter zu fressen haben.“ Isolde nickte. Ein kleines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, als sie von dem Schneeflöckchen wissen wollte: „Und weißt du, was noch so toll an ihnen ist?“ Das Schneeflöckchen schaute die kleine Hexe ratlos an. „Nein, was denn? Oh, bitte verrate es mir!“ Isoldes Lächeln wurde breiter. „Sie sind rot! So wunderschön knallrot! Du hast unsere erste Farbe des Winters gefunden: Beerenrot!“

Das Schneeflöckchen bekam in seinem puscheligen Bauch ein kribbeliges Gefühl. Es musste einfach in den Winterwald hinausschreien: „Das ist einsame Eiszapfenspitze!“ Während das Schneeflöckchen vor lauter Freude ganz laut wurde, war die Hexe mit einem Mal sprachlos. Ihre Augen waren ganz groß. Sie staunte: „Du bist gar nicht mehr ganz weiß. Schneeflöckchen! Du hast rote Flecken!“ Das Schneeflöckchen schaute an sich herab. „Hmm. Ich hatte eben so ein kribbeliges Gefühl.“ Es lachte die Hexe an. „Da muss wohl der Farbenzauber des Winters sein.“ Isolde war noch immer ganz überrascht. „Komm! Jetzt will ich erst recht noch mehr Farben finden! Mal sehen, mit was für Farben ich mein Pelzchen noch schmücken darf!“, rief das Schneeflöckchen fröhlich und war der Hexe schon wieder ein Stück vorausgeflogen.

Sie liefen immer weiter in den Wald hinein. Wo zuvor noch hier und da ein Bäumchen seine blätterlosen Arme ausgestreckt hatte, standen nun breite Tannen dicht an dicht. Isolde musste sich nicht nur einmal zwischen ihren nadelpiecksigen Ästen hindurchzwängen. „Aua! Jetzt ist es aber genug!“, schimpfte das Hexlein, während sie einen besonders hartnäckigen Zweig von sich schob. Als das Schneeflöckchen sich zu ihr umkehrte, hielt sich schnell eine Puschelhand vor den Mund. Doch ein kleines Kichern entkam ihm doch. Isolde stemmte die Hände in die Hüfte. „Was ist los? Nur raus damit!“ Das Schneeflöckchen räusperte sich schüchtern. „Zuerst will ich dir sagen, dass du auch damit wunderhübsch aussiehst!“ Isolde liegt fragend den Kopf schief. Dabei fielen aus ihrem lockigen Haar ein paar Tannennadeln zu Boden. „Wo kommen die denn her?“ Vorsichtig betastete die Hexe ihren Kopf. „Da sind ja noch mehr Tannennadeln! Das ist ja fast schon ein Nest! Oder…“ Das Hexlein hob mit den Fingerspitzen ihr Röckchen ein Stück an und machte vor dem Schneeflöckchen einen eleganten Knicks, während sie verkündete: „Auf meinem Kopf trage edle Krone aus Tannennadeln. Vor dir siehst du die Königin des Waldes.“ „Darf eine Königin über alle Farben bestimmen? Die Krone auf deinem Kopf sieht nämlich nicht so weiß aus wie der Schnee und auch nicht so grau wie der Himmel“, wollte das Schneeflöckchen sogleich wissen. Isolde legte den Kronenkopf schief, sodass auch die letzten Nadeln vor ihr in den weißen Schnee fielen. Das Hexlein schnippte mit den Fingern. „Natürlich! Dass mir das nicht gleich aufgefallen ist! Die Tannennadeln sind grün!“

Das Schneeflöckchen strich über die neuen grünen Flecken auf seinem Pelzchen. „Dann ist Tannengrün also unsere zweite Winterfarbe.“ Isolde betrachtete es stolz und befand: „Du siehst auch wunderhübsch aus!“

„Das Abenteuer endet hier für mich! Über den See kann ich dir nicht folgen!“ Isolde trat entschieden drei Schritte von dem weiten Ufer zurück. Das Schneeflöckchen zog ein enttäuschtes Gesicht. „Das kann doch nicht unmöglich sein“, murmelte es vor sich hin und landete auf der glatten Oberfläche. Mit dem ganzen Frust und Ärger, den es aufbringen konnte, stampfte es einmal kräftig auf. Und noch einmal. Dann hüpfte es zum Test auf und ab, bevor es der Hexe zurief: „Der See ist fest! Du kannst zu mir kommen und wir gehen gemeinsam auf die andere Seite!“ Isolde blies langsam die angehaltene Luft als ein weißes Wölkchen aus. „Der See ist fest, weil er gefroren ist“, erklärte sie dem Schneeflöckchen während sie einen Fuß auf das Eis stellte. Das Eis ächzte und knarrte unter ihrem Gewicht. „Spinnenbein und Fledermausohr! Das hört sich gar nicht gut an!“, bibberte die kleine Hexe jetzt schon. Sie befürchtete, dass das Eis unter ihren Stiefeln brechen und sie in das eiskalte Wasser fallen könnte. „Du hast es gehört! Die Eisschicht ist zu dünn! Dich, leichtes Schneeflöckchen kann sie tragen – mich trampeliges Hexlein nicht!“

Ganz enttäuscht, ließ sich Isolde auf einem großen Stein nieder und die Schultern hängen, sodass das Ende des Kringelschals wieder nach vorne rutschte. Dieses Mal war das Hexlein zu betrübt, um es wieder unter die anderen dicken Schalschlaufen zu klemmen. Ihr trauriger Blick war auf die weite Fläche des Sees gerichtet. Das Schneeflöckchen schwebte herüber und setzte sich auf ihre Schulter. So saßen sie eine Weile da. Ganz still und irgendwie auch ein bisschen friedlich. „Welche Farbe hat Eis eigentlich genau? Je länger ich darauf schaue, desto mehr glaube ich, dass es nicht ganz weiß ist…“, überlegte das Schneeflöckchen schließlich laut. Isolde blinzelte den dünnen Tränenschleier weg, den die Kälte schon vor ihre Augen gelegt hatte. „Wenn ich dir eine genaue Antwort geben will, muss ich mir das wohl noch einmal von nahem anschauen.“ Das Hexlein stand auf, lief zu der Stelle hin, auf die sie ihren Fuß gesetzt hatte und ging davor in die Knie. Isolde fuhr mit den Fingern zaghaft über die im Eis entstandenen feinen Risse und flüsterte: „Hellblau, wie der Himmel an einem schönen Sommertag. Graublau wie ein Flusskiesel.“ Isoldes Blick glitt über den See. „Tiefblau wie die Nacht, bevor die Sonne aufgeht.“ Das Schneeflöckchen seufzte neben ihr. „Das klingt wunderschön.“ Ein zartes Lächeln zupfte an Isoldes Mundwinkeln. „Das ist es auch.“ Sie stand auf und klopfte sich kleine Ästchen und Schneereste vom Rock. Den Blick weiter auf den See gerichtet, schüttelte sie etwas fassungslos mit den Kopf. „Die nächste Farbe des Winters war direkt vor unseren Nasen: Eisblau!“ Das Schneeflöckchen nickte wichtig, als habe es das die ganze Zeit über gewusst und zeigte auf sein Pelzchen, auf dem nun auch blaue Punkte zu sehen waren.

Sternlein hoch am Himmel stehen, Schneeflöckchen sagt leis‘:

„Auf Wiedersehen“

„Ich glaube, für heute haben wir genug Winterfarben gesammelt. Morgen ist auch noch ein Tag. Lass uns zurück zum Hexenhäuschen laufen. Es ist schon spät. Wenn wir jetzt nicht umkehren, wird uns die Nacht in ihren schwarzen Mantel hüllen“, warnte Isolde. „Ja das sollten wir“, hauchte das Schneeflöckchen. „Ist alles gut bei dir? Du bist ein bisschen blass um die Nase.“ Sorge lag in Isoldes Stimme. Das Schneeflöckchen riss erschrocken die Augen auf. Seine weißen Puschelhändchen flogen zu seiner Nase. „Schon?“, wisperte es kaum hörbar. Isolde bekam den ängstlichen Ausruf nicht mit, denn sie hatte bereits für das wohl nur leichte Unwohlsein des Schneeflöckchens eine Lösung parat und schlug daher schnell weiter vor: „Ich habe ein sehr gemütliches Hexenhäuschen, mit einem weichen Knautschesessel. Auf dem dürfte ein Uhu immer noch schlummern. Kunibert weiß die besten Geschichten zu erzählen! Wir wecken ihn einfach! Natürlich gibt es dann auch leckeren Pfefferminz-Kakao für alle. Schließlich müssen wir feiern, dass wir in dem ollen Grau des Winters so hübsche Farben gefunden haben! Na? Was sagst du?“ Das Schneeflöckchen nickte still. Dabei sank es ziemlich weit hinab. Bevor es auf dem Boden aufkommen konnte, hielt Isolde schnell die Hand unter seine schwingenden Puschelfüße. Das Hexlein setzte das Schneeflöckchen zwischen die Schlaufen ihres Kringelschals. „Wie es aussieht, hat dich unsere Farbensuche ein wenig müde gemacht. Keine Sorge, ich werde dich bis nach Hause tragen – schließlich wiegst du ja nur so viel wie eine Schneeflocke“, versprach Isolde mit einem leisen Kichern. Das Schneeflöckchen gähnte. „Uahhh. Ich danke dir von ganzem eisigen Herzen.“

„Kunibert! Ich bin wieder da! Und ich habe dir auch jemanden mitgebracht! Hast du schon alles für einen guten Pfefferminz-Kakao vorbereitet?“ Der Wind von kräftigen Flügelschlägen ließ Isoldes Locken tanzen. Kunibert flatterte – ziemlich sauer aus seinen gelben Augen dreinschauend – vor ihr auf und ab. „Wie kannst du mich nur hier ohne zu sagen, wo du hingehst zurücklassen! Ich habe mir Sorgen gemacht. Und natürlich habe ich nichts vorbereitet! Ich wusste ja nicht, wann du dich bequemst, wieder zu mir zurückzukehren! Das nächste Mal….Oh.. Was sitzt da in deinem Schal? Ist das etwa?“ „Ja! Ein Schneeflöckchen! Mit ihm war ich die ganze Zeit im Wald unterwegs. Wir haben die tollsten Farben des Winters gefunden. Hier schau!“ Isolde nahm das Schneeflöckchen vorsichtig aus dem Schal und hielt es auf offener Hand dem Uhu hin. „Schau dir nur sein wunderschönes Pelzchen an! Jetzt ist es genauso bunt wie ich!“

Kunibert besah sich das kleine Ding. Er klackerte dreimal mit dem Schnabel. Sofort nahm Isolde ihre Hand wieder zurück. „Was war das? Warum klackerst du mit dem Schnabel?! Das machst du doch nur, wenn etwas nicht stimmt! Und hier stimmt sowas von nicht nichts! Wir hatten einen wundervollen Tag! Meine schlechte Laune und Enttäuschung ist wie von einem Winter-Brausewind weggeblasen! Nun sag doch auch etwas, Schneeflöckchen! Hattest du nicht auch einen schönen Tag?“

Das Schneeflöckchen drehte sein feines Gesicht der Hexe zu. Isolde erschrak, denn es war jetzt nicht nur etwas blasser, sondern fast durchsichtig. „Ich hatte einen wundervollen Tag, liebste Isolde. Sogar den besten Tag meines Lebens! Doch nun muss ich leider gehen… Sei nicht zu sehr betrübt. Ich verspreche dir, im nächsten Winter wird ein Geschwisterchen von mir wieder an dein Fenster klopfen. Bis dahin werde ich ihm alles über unseren Tag und die ganzen wundervollen Farben erzählt haben. So könnt ihr euch voller Freude auf die Suche nach neuen Farben machen!“ Isolde wisperte: „Bis auch dieser Tag zu Ende gehen wird!“ Das Schneeflöckchen flog zu der tränennassen Wange des Hexleins und gab ihr ein kühles Küsschen. „Alles Schöne geht einmal zu Ende. Aber die Freude auf ein neues Farbenabenteuer bleibt. Du wirst noch so viele Farben mit einem treuen Schneeflöckchen an deiner Seite finden!“ Isolde zog schniefend die Nase hoch. Sie blickte in die immer noch in einem wundervollen Blau glitzernden Eiskristallaugen des Schneeflöckchens und sagte ganz tapfer: „Das klingt nach einem Plan.“ Das Hexlein schniefte: „Das nächste Schneeflöckchen ganz sich auf etwas gefasst machen: Denn jetzt habe ich dank unserer Sammlung von Beerenrot, Tannengrün und Eisblau eine genaue Vorstellung für einen richtig tollen Winterfarbenzauber!“

Isolde trat ein letztes Mal an diesem so ereignisreichen Tag, den Schal viermal um den Hals gewickelt, vor die Tür ihres Hexenhäuschens. Auf ihrer rechten Schulter saß Kunibert auf ihrer linken das Schneeflöckchen. Gemeinsam schauten sie hinauf in den tintenschwarzen Nachthimmel. Darauf funkelte und schimmerte es tausendfach. Der weise Uhu erklärte: „In kalten Winternächten sind die Sterne besonders gut zu sehen.“ Das Schneeflöckchen lächelte von einem Puschelohr zum anderen. „Das sieht soooo schön aus! Eine neue Winterfarbe: Sternengelb!“, wisperte es voller Staunen. Isolde merkte gerade noch, wie sich das kühle Schneeflöckchen von ihr löste, bevor sie es aufhalten konnte. Es flog zu dem Funkeln hinauf und rief: „Das Gelb hat mir noch auf meinem Pelzchen gefehlt! Ich will die Sterne so gerne einmal von nahen sehen!“ Noch bevor die letzten in vollem Glück gesprochenen Worte Isolde und Kunibert erreichten, löste sich das Schneeflöckchen mit einem letzten Aufblitzen der Eiskristalle rund um sein Köpfchen auf.

Isolde holte tief Luft. Da war wieder so ein Gefühl in ihrer Brust. Da war die Trauer darüber, dass das Schneeflöckchen nun nicht mehr da war. Aber darüber hatte sich etwas viel Leichteres gelegt: Dankbarkeit dafür, dass sie dem Schneeflöckchen zugleich einen unvergesslichen ersten und letzten Tag schenken durfte. Und natürlich die Vorfreude auf die Abenteuer mit dem nächsten bestimmt ganz wunderbaren Schneeflöckchen.