Hans Hase will Erster sein!

GAAACK! Elfriede Huhn schlug wild mit den Flügeln, dass die braunen Federn nur so flogen. Es half nichts. Hans Hase war schneller gewesen. Geschickt hatte er dem armen Huhn die gerade gelegten Eier unter dem Daunenpopo weggezogen. „Vielen Dank für die drei Eier! Sei mir nicht böse! Ich werde sie auch gleich hübsch anmalen!“, rief er der aufgebrachten Elfriede über seine Schulter zu und war auch schon SCHWUPPS wieder zur Stalltür hinaus.

Der kleine Hase ließ die Eier in der großen Tasche ganz vorn auf seiner Latzhose verschwinden und nickte zufrieden. „Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt! Ich war als Erster im Hühnerstall und habe nun die ersten Eier des Tages in meiner Tasche!“, sagte der Hase ganz stolz auf sich selbst. Das reichte Hans aber noch nicht. Er wollte auch der Erste in der Malschule sein!

Er stellte sich auf die Hinterpfoten und schaute aufmerksam über die Frühlingswiese, auf der die Hasenhügel wie grasgrüne Ostereier zwischen Krokussen und Schneeglöckchen lagen. Außer einer Blaumeise, die schon fröhlich in einem Haselnussstrauch zwitscherte und tanzte, war niemand zu sehen. Die anderen Hasen schliefen noch in ihren Grasbettchen. Aber nicht Hans, denn der war heute als Erster aufgestanden. Bei dem Gedanken an seine eigene mollig kuschelige Decke konnte Hans ein Gähnen nicht zurückhalten. Erschrocken darüber, wie laut es war, klappte er das Schnäuzchen schnell wieder zu. „Wenn ich jetzt bloß nicht die anderen Hasenkinder geweckt habe! Ich will doch der Erste an der Malwerkstatt sein“, sagte er nun ganz leise. Das Häschen schlug einen Hacken und hoppelte flink los.

Das Holz der alten Werkstatttür ächzte und knarzte, als Hans Hase kräftig an ihrer Klinke zerrte. „Geh doch auf! Ich will als Erster herein!“, verlangte er voll grimmiger Ungeduld und zog noch ein bisschen kräftiger. Erst ein lautes Räuspern ließ ihn innehalten. „Die Tür ist fest verschlossen. Und ich habe den einzigen Schlüssel. Wenn du mich bitte vorlassen würdest, könnte ich sie öffnen.“ Langsam drehte sich Hans um. Er wusste genau, wem diese tiefe Stimme gehörte, die sowohl tadeln als auch loben konnte.

Der Große Osterhase hatte die buschigen weißen Augenbrauen über den goldenen Rand seiner Brille gehoben und schaute fragend auf Hans herab. Hinter dem Lehrer drängten sich die anderen Hasenkinder. „Was macht Hans schon hier?“, „Warum hat er nicht auf uns gewartet?“, „Erwartet uns heute etwas Besonderes in der Werkstatt?“, wollten sie neugierig wissen. „Nichts Neues erwartet euch – nur die Freude, die noch braunen und weißen Eier mit schönen Mustern zu bemalen“, übertönte der Große Osterhase das aufgeregte Geplapper und griff nach dem Schlüsselbund an seiner Weste. „Gebt euch noch einmal besonders Mühe, denn schon heute dürft ihr die fertigen Ostereier zum ersten Mal selbst auf eure Wägelchen laden und zu den Kindern bringen.“ Mit einem KLICK und einem KLACK schloss der Osterhase die Tür auf und trat beiseite. „Nur hereingehoppelt, meine fleißigen Häschen! Jeder sucht sich einen Tisch, einen Farbkasten und saubere Pinsel! Es wird nicht gedrängelt oder gestritten. Für jeden ist ein Plätzchen da!“

Das musste der Große Osterhase nicht zweimal sagen. Hans konnte gar nicht so schnell schauen wie die Hasenmädchen- und Jungen an ihm vorbei, in die Malstube sausten. Hans Hase stampfte mit der Pfote auf. „Ich wollte doch als Erster in der Malwerkstatt sein!“, rief er empört. Der Große Osterhase strich ihm über die Ohren. „Na, na. Wer ist denn da so grantig? Du bist schließlich der Erste an der Malwerkstatt gewesen! Das ist sehr löblich.“ Der kleine Hase verschränkte die Arme ganz fest vor der Latzhose. „Und was habe ich jetzt davon? Nichts!“, grummelte er.

„Das würde ich nicht sagen.“ Der Große Osterhase fasste ihn an den Schultern und schob ihn sanft in die Malwerkstatt hinein. Dabei erinnerte er den kleinen Hasen noch einmal daran: „Du bist heute Morgen ganz vorbildlich früh aufgestanden, um an diesem Tag dein Bestes zu geben.“ Der Große Osterhase führte Hans zu einem noch freien Maltisch, hinter den sich das Häschen mit einem Schnauben zwängte. Missmutig stupste Hans Farbe und Pinsel an, die die anderen Häschen schon für ihn bereitgelegt hatten. Der Große Osterhase klopfte auf seinen Tisch und sagte etwas lauter, damit alle ihn hören konnten: „Um sein Bestes zu geben, muss man nicht immer der Beste oder der Erste sein. Ihr macht eure Sache gut, wenn ihr sie ordentlich, aber vor allen Dingen mit viel Freude macht.“

Während die anderen Häschen dem Osterhasen aufmerksam zuhörten und eifrig nickten, tauchte Hans schon den Pinsel in die Farbe. Oh, wie schön das Blau und Grün spritzte, als er einfach – mit einem PLATSCH hier und einem PLATSCH da – große Pinselkleckse auf den Eiern verteilte. Die anderen Häschen bemalten ihre Eier mit Blumen und schönen Mustern. Auf dem weißen Ei von Rosalie Hase flatterte sogar ein rosafarbener Schmetterling. Hans jedoch gab sich nicht besonders viel Mühe. Er wollte schnell fertig werden. Noch ein letzter Pinselpatscher auf das bunte Durcheinander und Hans Hase rief ganz laut und voller Begeisterung: „Erster!“

Der Große Osterhase schüttelte den Kopf. Hans Hase steckte die bemalten Eier eilig in seine Latzhosentasche und verkündete: „Ich hoppele schon einmal zu der Brücke am plätschernden Fluss. Dorthin, wo unsere Wägelchen schon für den Ostereiertransport zu den Kindern bereitstehen.“ Der kleine Hase war schon auf dem Sprung, als der Lehrer streng bemerkte: „Die Farbe auf deinen Eiern ist noch nicht einmal getrocknet. Gedulde dich doch noch ein wenig.“ Hans aber rief: „Dafür bleibt keine Zeit! Ich will doch Erster sein!“

Hans Hase ging nun schon zum vierten Mal am Flussufer auf und ab. „Warum brauchen die Anderen nur so lange? Der Weg zu den Kindern ist lang und ich muss noch gute Verstecke für meine Ostereier finden!“, schimpfte er vor sich hin. Wieder an seinem Wägelchen angekommen, ordnete Hans seine Ostereier aus lauter Langeweile noch einmal neu. Während er sie so drehte, um ihre schönste Seite zu finden, musste er allerdings feststellen, dass es nicht wirklich eine gab. Da waren einfach nur Kleckse – überall, selbst auf seiner Latzhose und den Pfoten. Hans wackelte mit dem Näschen und murmelte: „Vielleicht hätte ich mir doch etwas mehr Mühe geben und dabei achtsamer sein sollen.“ Jetzt war es allerdings zu spät, um noch einmal von vorne anzufangen, denn hinter den Hügeln kamen schon die Hasenmädchen- und Jungen auf ihn zugehoppelt.

Hans Hase sah dabei zu, wie auch sie ihre Eier auf die Wägelchen luden. Dabei wurde er nicht müde, die Häschen daran zu erinnern: „Ich war übrigens der Erste an der Brücke!“ Max Hase verdrehte die Augen. „Ja, ja. Das wissen wir schon! Ist doch nichts dabei!“ Hans Hase schluckte schwer. Als Erster am Ziel zu sein, sollte nichts Besonderes sein? Hans war enttäuscht. Wieso freute sich Max nicht für ihn?

Dem kleinen Hasen blieb keine Zeit, um weiter darüber nachzudenken. Nele Hase hatte soeben ihre Pfote um den Griff ihres Wägelchens gelegt und war drauf und dran, als Erste die Brücke zu überschreiten. Oh, nein! Hans rannte zu seinem Wagen. Er wollte der Erste sein, der bei den Kindern ankam!

Hans Hase überholte die arme Nele so schnell, dass ihr das Röckchen um die Beine wehte. „Tschuldigung, darf ich mal vorbei?“, rief er ihr noch keck zu, obwohl er mit seinem Wägelchen schon fast auf der anderen Seite der Brücke war. Nele klappte den Mund auf. Doch anstatt mit ihm zu schimpfen, brachte sie ein mitleidiges „Oh!“ heraus. Ein von Hans betupftes Ei war von seinem über Stock und Stein holpernden Wagen gefallen. Nele sah gerade noch, wie es in den Fluss kullerte und die Wellen es davontrugen. Auch der Große Osterhase hatte das Missgeschick mit angesehen. Wieder konnte er über Hans, der immer und überall der Erste sein wollte, nur den Kopf schütteln.

„Ha! Wieder bin ich der … Erste. Puh!“ Der kleine Hase musste erst einmal zu Atem kommen. Den ganzen Weg bis zu den Kindern war er ohne Pause im Eiltempo gehoppelt. Die Beine taten ihm weh. Im Garten von Familie Schulz ließ er sich endlich ins Gras plumpsen. Doch er durfte sich nicht zu lange ausruhen! Die Sonne ging bereits hinter den Dächern der Stadt unter. Hans sprang wieder auf die Pfoten. Die besten Verstecke für seine Ostereier ließen sich schließlich schlecht im Dunkeln finden!

„Na dann leg ich mal lo…“ Als Hans in sein Wägelchen schaute, blieb ihm vor Schreck das letzte Wort im Halse stecken. Er kratzte sich zwischen den langen Ohren und fragte verdutzt: „Wo sind denn bloß meine Ostereier geblieben?“

Die eben mit den anderen Häschen angekommene Nele, zog ihr Wägelchen neben das von Hans. Sie hob wichtig ihr Schnäuzchen in die Luft und ermahnte Hans: „Das hast du nun davon, dass du immer Erster sein willst. Wärst du mit uns gemeinsam gehoppelt, wären dir die Eier nicht vom Wagen gefallen.“ Hans Hase ließ die Ohren hängen. Ganz traurig sagte er: „Und was habe ich jetzt davon? Nichts!“

Wie er da so bedröppelt dastand, bekamen die anderen Hasenkinder Mitleid mit ihm. Ja, es war kein gutes Gefühl, stets hinter Hans zurückstehen zu müssen. Nun wollten sie ihm aber zeigen, wie schön es sein kann, wenn man zusammenarbeitet – ohne dass ein Häschen schneller oder besser ist als das andere. Die Hasenmädchen- und Jungen nickten sich kurz zu und hoppelten zu ihren Wägelchen.

„Wir haben etwas für dich“, sagte Nele Hase wenig später. Hans hob den Kopf. Die Häschen standen in einem Halbkreis um ihn herum. Ein Jedes hielt ein wunderhübsch bemaltes Ei in der ausgestreckten Pfote. Hans Hase schniefte. „Sind die etwa für mich?“ Seine Hasenfreunde nickten und schenkten ihm noch ein breites Lächeln dazu. Das geschenkte Lächeln erschien augenblicklich in Hans nun vor Freude strahlendem Gesicht. „Danke! Jetzt kann ich mit euch zusammen die Ostereier verstecken! Ich habe mir schon die besten Verstecke ausgedacht!“, jubelte Hans. Die Häschen sahen ihn streng an. Hans kicherte und ergänzte: „Die ich euch selbstverständlich auch verraten werde!“

Der Große Osterhase musste dieses Mal nicht mit dem Kopf schütteln. Er nickte zufrieden. „So ist es gut, meine lieben Häschen! Je mehr Freude ihr beim gemeinsamen Verstecken der hübsch bemalten Eier habt, desto größer wird für die Kinder der Spaß beim Suchen sein!“

Hans Hase schaute von dem knallgelben Sandeimer, unter dem er sein Ei versteckt hatte auf. Leni Hase streckte sich gerade ganz weit nach oben, um eines ihrer Eier in das Vogelhäuschen kullern zu lassen und Max Hase deckte ein Ei mit einem großen Rhabarberblatt zu. Hans Hase wurde es ganz warm in der Brust. Verwundert rieb er sich über die große Tasche seiner Latzhose, die genau über seinem Herzen lag. Dieses Gefühl bekam er sonst nur, wenn er Erster geworden war. Dieses Mal verschwand es aber nicht sofort wieder. Es breitete sich wie kribbelnde Sonnenstrahlen in seinem ganzen Körper aus. Hans lächelte glücklich, denn er wusste jetzt, dass die Freude über etwas, das man erreicht hat, noch größer wird, wenn man sie teilt.

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