Der Zauberschlautrank

Kapitel 1

Anna hatte sich mitten in den Garten gesetzt. Die Beine untergeschlagen, halb auf dem Steinplattenweg, halb auf dem von Papa so gehegten Rasen. Sie hat die Augen geschlossen und horchte: auf das Säuseln der Blätter im Wind, das Summen eines Insektes, wie ein Vogel eine wunderschöne Melodie zwitscherte und ihm ein anderer aus der Entfernung antwortete. Anna atmete tief ein. Ja, so hatte sie sich das ausgemalt – nichts als Ruhe und Frieden um sie herum. Keine einzige Kröte sang in perfektem Opernton: „Alle meine Entchen“. Herrlich.

Da kribbelte es auf ihrem Kopf. Anna öffnete etwas panisch ein Auge: War das etwa das herumfliegende Insekt? Wenn das ein ekliger, dicker Käfer war, der jetzt auf ihr herumkrabbelte! Vorsichtig – sie wollte ihn irgendwie nicht berühren, musste aber auch wissen, was da auf ihr gelandete war – tastete sie nach dem Vieh. Es kicherte. Anna ließ sofort die Hand sinken und nahm wieder ihre starre Position ein. Dieses Kichern kannte sie.

Die Fee Kamilla grub ihre Zehen in Annas wilde, rote Locken und beugte sich weit über ihr Gesicht. So nahe konnte Anna stieg Anna ihr Geruch nach aufgewühlter Erde und wilden Kamillen, denen sie ihren Namen verdankte, in die Nase. „Wolltest du gerade einschlafen, oder tot spielen?“ Die Fee kratzte mit ihren kleinen Krallen über Annas dünne, empfindliche Augenlider. Anna konnte ein schmerzhaftes Aufstöhnen nicht unterdrücken und kniff sie noch ein bisschen fester zu. Kamilla störte sich nicht daran und plapperte einfach munter weiter: „Wenn du dich tot stellen willst, solltest du nicht so kerzengerade dasitzen.“ Anna merkte an dem Kitzeln von Haaren an ihrer Wange, dass die Fee überlegend – immer noch nach unten hängend – den Kopf schief gelegt haben musste. „Vielleicht legst du dich auf den Bauch, knickst deine rechtes Bein ein und streckst deinen linken Arm und die Zunge heraus! Ahhh! Und du solltest mit dem Atmen aufhören! Wie lange können Menschen die Luft anhalten? Also wir Feen können das stundenlang!“, sagte sie sehr stolz.

Anna ließ frustriert die Luft extra lange aus ihren aufgeblasenen Backen entweichen. „Kann man hier denn nicht mal in Ruhe alleine sein?“ Nun mit vor Ärger blitzenden Augen sah sie das feine Gesicht vor sich. Unverständnis Brauen zusammengezogen. „Aber warum willst du denn alleine sein? Das macht doch gar keinen Spaß…“ Die Fee kletterte wie eine Fledermaus über Annas T-Shirt in ihren Schoß. Annas Hand schwebte über ihr, um sie von sich wegzusetzen, aber dann entschied sich doch dafür, einen Grashalm abzurupfen. Sie sah Kamilla nicht an, sondern das Grün, das sie zwischen ihren Fingern hin und her drehte, während sie grummelnd zugab: „Heute war eben nicht mein Tag.“

„Oh, wie egoistisch du bist!“ Ihr Blick zuckte zur Fee, die empört ihre Fäustchen in die Seiten gestemmt hatte. „Natürlich war es nicht dein Tag! Der Tag gehört allen!“ Kamilla raschelte mit den Flügeln. „Wo wir wieder bei dem dämlichen Allein-Sein-Wollen wären! Wieso hast du diesen Tag denn nicht mit Freunden geteilt?“

„Weil sie keine hat!“ Ein Zwerg kam lässig schmatzend zwischen zwei Lavendelbüschen hervor. In der einen Hand hielt er den angebissenen Apfel, die andere war tief in der Tasche seiner Latzhose versunken. Anna stand so hastig auf, dass die Fee aus ihrem Schoß purzelte. „Das stimmt doch gar nicht!“ Gustav linste unter seiner breiten Hutkrempe frech zu ihr herauf. „So? Und warum sitzt du dann zwischen Klee und Gänseblümchen und sprichst mit Feen und Zwergen?“ Anna schnappte entsetzt nach Luft. „Ihr seid mir doch zuerst auf den Keks gegangen!“, verteidigte sie sich.

„Anna, Schatz! Komm! Das Abendbrot ist fertig!“ Anna zeigte erst mit dem Finger auf die Fee, dann auf den Zwerg. „Wir sprechen uns morgen wieder: NICHT!“ Sie drehte sich auf dem Absatz herum und stapfte zur Haustür. „Stellst du uns wenigstens ein Schüsselchen mit etwas von der leckeren Lasagne deiner Mama auf das Fensterbrett?!“ Kamilla bekam das Knallen der Tür zur Antwort. Die Fee machte einen Schmollmund. „Schade.“ Das sonst so helle Frühlingsrgün ihrer Augen war ganz blass, als sie den Zwerg besorgt ansah. „Ob sie jetzt mit uns nichts mehr zu tun haben will?“ Gustav warf den Apfelgrips über seine Schulter. „Ach was. Die kriegt sich schon wieder ein.“ „Hoffentlich. Ich mag nämlich Lasagne“, murmelte Kamilla. Nach zwei kurzen Schniefern fügte sie hinzu: „Und Anna auch…“

Anna stocherte lustlos in ihrem Essen herum. „Das wird doch kalt! Warum isst du nichts? Ich habe mich nach einem langen Arbeitstag extra für dein Lieblingsessen an den Herd gestellt“, beschwerte sich Mama. Papa sah von seinem schon fast leer gegessenen Teller auf. „Du bist auch ganz komisch still. Fühlst du dich nicht gut?“ Anna hielt inne und änderte ihren Gabelkurs. Anstatt immer größere Lasagneberge aufzuschieben, steckte sie sich einen in den Mund. Zwischen Kauen und Herunterschlucken verzog sie ihn zu einem breiten Lächeln und versicherte Papa: „Mir gept es pima. Die Lasnne schmeckt vorzpfüglisch!“ Papa blinzelte hinter seiner Brille ein paar Mal, hob die Schultern und ließ sie mit einem erleichterten Ausatmen wieder sinken. „Na dann ist ja gut“, sagte er heiter und aß weiter.

Mama hatte aber wohl gemerkt, dass Anna etwas auf dem Herzen lag. Sie nahm Annas Hand. „Du weißt, dass du mit deinen Sorgen und Problemen jederzeit zu mir kommen kannst, oder? Ich kann sie zwar nicht einfach so weghexen, aber darüber zu Reden, hilft immer.“ Anna schenkte ihr ein dankbares Lächeln. Was ihr heute in der Hexenschule passiert war, war Anna aber einfach zu peinlich. Da half kein Reden. Es musste ein Hexenzauber her. Aber so einer, den Mama ihr bestimmt nicht erlauben würde. Deshalb sagte Anna nur: „Das wird schon wieder. Heute war eben nicht mein Tag.“

Kapitel 2

Die Nase von Gundula Sausebraus hatte einen Knick. Das konnte Anna nun deutlich erkennen, da das Mondlicht genau auf das Postergesicht ihrer Lieblingshexensängerin – das sie schon gefühlt seit Stunden anstarrte. Anna konnte einfach nicht einschlafen. Das Lachen der anderen Hexenschüler klingelte immer noch in ihren Ohren. Warum musste auch immer ausgerechnet bei ihr etwas schief gehen?! „Das ist eine ganz leichte Aufgabe. Bloß zum Aufwärmen eurer Hexenkräfte“, machte sie mit einer kratzigen Krixelkraxelstimme ihre Hexenlehrerin Frau Hokusina Flitterflanz nach. Pah! Was soll es bitte für einen Sinn haben, eine Kröte zum Sprechen zu bringen? Anna hatte das arme Tierchen leid getan, wie es sie da flehend aus seinen Glubschern angeschaut hatte. Die Kröte hatte genauso wie sie nicht in einem stickigen Klassenzimmer feststecken wollen. Anna hatte sie sie sich, halb in schön kühler Matschepampe vergraben in einem See vorgestellt… Und dann war es passiert: Anna war zu tief in ihrem Mitleid versunken, dass sie gar nicht bemerkt hatte, dass die Anderen den Zauberspruch schon aufgesagt hatten. Über das Plappern der Kröten hatte Frau Flitterflanz sie streng ermahnt, doch endlich zu zaubern. Anna hatte erschrocken genickt und rausposaunt:

Entlein wollen endlich in See stechen.

Du sollst jetzt sprechen!

Piraten! Piraten wäre das richtige Wort gewesen – nicht Entlein!“, muffelte Anna in das Kissen, das sie sich jetzt – immer noch – über das Gesicht gezogen hatte. Das Bild in ihrem wirren Kopf von der zufriedenen Kröte im See, hatte sie das den falschen Zauberspruch aufsagen lassen. Das undankbare Vieh hatte natürlich gleich sein breites Maul aufgesperrt und lauthals gesungen: „Alle meine Entchen schwimmen auf dem See, Köpfchen in das Wasser…“ und bei „Schwänzchen in die Höh’“ waren die anderen Hexenkinder nur zu gerne eingestiegen. Anna zog sich das Kissen von den heißen Wangen. „Ganz toll, Anna! Wirklich ganz toll! Jetzt will erst recht niemand mehr was mit dir zu tun haben!“, musste sie wütend sich selbst und der breit lächelnden Gundula Sausebraus eingestehen. Anna seufzte tief. „Ach wenn ich doch nur einen Zauber wüsste, der einen zur perfekten Hexe machen würde…“

„Also ich kenne da ein Rezept für einen Zaubertrank“, sagte da Kamilla zwischen zwei Schmatzern. Anna setzte sich erschrocken auf. „Wie lange bist du schon hier?“ Die Fee hob einen Finger: „Warte… Ganz kurz“, und schleckte mit ihrer blauen Zunge den letzten Rest Lasagne aus der Schüssel, die Anna ihr doch vor dem Zubettgehen auf das Fensterbrett gestellt hatte. „Ahhh. Sooo lecker. Nun, da mein Bäuchlein gut gefüllt ist, kann ich dir bestens zuhören.“ Anna schob die Bettdecke von sich. „Du hast schon gelauscht!“ Die Fee legte ihren Kopf schief und nickte mitleidig. „Genug, um zu wissen, dass dein Tag heute wohl wirklich mies war, weil du Kröten zum Singen bringen kannst, du das aber nicht so unbedingt willst. Was du aber willst – wie der Steinriese einen schönen runden Kiesel – ist eine perfekte Hexe zu sein. Dafür brauchst du den Zauberschlautrank.“ Anna schwang aufgeregt die Beine über die Bettkante und schlüpfte raketenschnell in ihre Hausschuhe – bereit dafür, in Mamas Hexenküche zu spurten. „Lass uns den gleich ausprobieren! Mama und Papa schlafen schon lange. Also sind wir ungestört. Und Mama kann auch nicht schimpfen, weil ich ohne ihre Erlaubnis in der Hexenküche einen Trank braue.“ Anna hatte die Hand schon an der Türklinge. Sie zuckte mit den Schultern und grinste die Fee über sie hinweg an. „Was sie nicht weiß, macht den Hexenkessel nicht heiß – zumindest nicht ihren, weil meiner gleich sowas von glühen wird!“

Mit einem Rauschen wie von aufgewirbeltem Laub, landete Kamille auf Annas Nachttisch. „Nicht so schnell!“, warnte sie mit schriller Stimme, sodass Anna sofort innehielt. Kamilla seufzte schwer. „Ich habe nur gesagt, dass ich das Rezept für den Zaubertrank kenne. Aber das mit dem Verraten ist eine ganz andere Sache.“ Annas rechte Augenbraue hob sich und verschwand unter ihrem tulpenroten Pony. „Sagst du mir auch warum?“, wollte sie verdutzt von der Fee wissen. Kamilla ließ sich auf den Seiten des Buches für Hexengeschichte fallen, das seit Wochen aufgeschlagen, aber ungelesen unter Annas Schwarze-Katzen-Lampe lag. Geknickt murmelte sie: „Ich darf es nicht verraten – sonst können Feen nicht mehr Fliegen und Hexen vergessen wie das Zaubern geht. Oder so. “

„Kein Piep darf aus deinem Mund kommen, Kamilla! Die Feenkönigin Hyazinth hat mit der Oberhexe Eulfedia erst letzte Woche das Jahrhunderte alte Versprechen erneuert: Die Feen bekommen von der Oberhexe weiter ihren magischen Staub, wenn sie niemandem – erst recht keiner anderen Hexe! – verraten, was die letzte Zutat ist und wo man sie finden kann“, meldete sich da der Zwerg schnaubend zu Wort. Gustav keuchte, bevor er seine kurzen Arme auf dem Fensterbrett aufstemmte, um sich ganz in Annas Zimmer zu ziehen. „Das nächste Mal nehme ich die Tür“, murmelte er mit Gesicht und Bauch flach auf dem Fensterbretts liegend in seinen Bart. Er hob den Kopf ein kleines Stück, damit ihn Anna und Kamilla ihn auch bloß verstanden: „Und bevor ihr euch fragt: Das mit dem Treffen weiß ich von dem entfernten Freund des Neffen meines Großvaters,“ erklärte er und ließ erschöpft die Stirn wieder auf das Eichenholz sinken.

Annas Hand schloss sich so fest um die Türklinke, dass es schon fast weh tat. Dann ließ sie sie mit einem Schnapper los und war mit drei langen Schritten bei Gustav. Ihre sprudelnde Vorfreude hatte sich in überblubbernde Wut gewandelt. Das Hexlein schimpfte los: „Erstens: Es ist sowas von gemein, dass die Oberhexe das Rezept für sich behält! Andere Hexen wollen auch perfekt zaubern können! Und zweitens: …“ Anna Anna atmete tief ein und versuchte es etwas netter: „Hat dieser Neffe vielleicht zufällig mitbekommen, was die letzte Zutat ist und und kann sie mir verraten?“ Der nette Ton bekam eine leicht giftige Note, als sie hinzufügte: „Der mischt sich doch bestimmt genauso gerne wie du in Dinge ein, die ihn nichts angehen.“ Gustav winkte ab. „Nein, nein. Der hält schon dicht. Warte mal…“ Der Zwerg rappelte sich flink auf und stemmte erbost die Hände in die Latzhosenseiten. „ Hast du mich etwa gerade beleidigt?!“ Anna flatterte unschuldig mit den Wimpern und sagte zuckersüß: „Ist es eine Beleidigung, wenn man die Wahrheit sagt?“ „Fliegenpilzkrümel und Fliegenschiss! Die lasse ich mir von dir aber nicht sagen!“

„Stopp! Halt!“ Aufgeregt flatterte Kamilla zwischen die Beiden. „Nicht streiten! Können wir nicht eine neue Abmachung schließen? „Und die wäre?“, fragten Gustav und Anna gleichzeitig, während sie sich weiter wütend anstarrten. „Ich verrate Anna die Zutat für einen perfekten Zauber: einen mit dem sie ihre Mithexen- und hexer so aus den Kringelsocken haut, dass sie nie wieder über Anna lachen werden. Und nach dem Zauber werden wir alle kein Wort mehr darüber verlieren.“ Gustav schnappte gleich nach Luft und wollte schon zu einem Protest ansetzen, aber die Fee war schneller: „Und unser allerliebster, über die Maßen weiser Zwerg Gustav wird ein wachsames Auge auf das Hexenwerk haben“, flötete sie. „Was soll also schief gehen?!“ „Mit euch? Alles!“, grummelte Gustav. Anna stieß ihn mit dem Ellenbogen an. „Komm! Gib es doch zu! Du, alter Grimmbart, hast doch auch Lust auf ein Abenteuer.“ Gustavs entschiedenes Kopfschütteln bedachte sie nur mit einem schiefen Grinsen und wandte sich mit einem freudigen Kribbeln im Bauch an Kamilla: „Ich möchte, dass du uns an den Ort bringst, an dem wir die geheime Zutat für den Zauberschlautrank finden“, sprach sie ihren ersten Wunsch laut aus, denn ohne drei Wünsche können Feen nicht zaubern.

Kamilla nickte eifrig. Sie schnappte sich Gustavs Ohr und den Stoff von Annas Halloween-Kürbis-Pyjama, schloss die Augen und wurde zusammen mit dem Hexlein und dem Zwerg zu einem hellen Lichtball. Nach einem PUUUFFF waren die Drei verschwunden und Annas Zimmer mit buntem Konfetti dekoriert.

Kapitel 3

PLATSCH Die Zauberreisenden landeten unsanft in Matschepampe. „Iiehhh!“ Anna wischte sich Schlammspritzer aus dem Gesicht und hielt entsetzt einen Ärmel ihres voll eingepampten Schlafanzugs hoch. „Na so einen miesen Zauber hätte ich auch gerade noch so hinbekommen!“, beschwerte sie sich bei der über ihr flatternden Fee, die nicht einen Matschetropfen abbekommen hatte. Kamillas Händchen flogen an ihre Wangen, die sich Brombeerlila gefärbt hatten. „Oh, entschuldigt bitte. Ich habe ganz vergessen, dass ihr gar keine Flügel habt!“ Gustav ruderte eben mit solch einem flügellosen Arm, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Wieder ein PLATSCH. Matschepfütze 1, Zwerg null Punkte. Gustav landete – zu seinem Glück im Unglück sehr weich – auf dem Po. Er presste die Lippen zusammen, kreuzte die kurzen Arme vor der breiten Brust und blieb einfach grimmig sitzen. „Das Moor also, hm?“, fragte er, ein leises Grollen in der Stimme. „Von allen schönen Orten, an denen es Magie zu finden gibt, wie Regenbogenwiesen auf denen Einhörner grasen, plätschernde Bäche, in denen Nixen mit Wellen um die Wette springen, oder den Kristallhöhlen meiner Zwergenfreunde, muss es ausgerechnet dieser nasse, stinkende, kalte Ort sein?!!“ Kamilla reckte das Kinn. „Manchmal verbergen sich eben die schönsten und wertvollsten Sachen an den unbequemsten Orten“, wies sie ihn zurecht.

Gustav verdrehte die Augen und gab ein genervtes Brummen von sich. „Können wir uns dann wenigstens beeilen! Ich habe vor unserem kleinen Ausflug keine Lasagne genascht und bekomme langsam Hunger!“ Es gurgelte in seiner Pfütze, als er sich mit einem Ruck zu Anna in ihrer Pfütze umdrehte. „Mach was Hexe! Wünsch uns wenigstens aus dieser Matschepampe heraus!“ „Ja, doch! Aber ich will meine drei Wünsche bei Kamilla nicht so einfach aufbrachen! Wer weiß, was oder wer uns noch erwartet?“ Anna streckte ihren Rücken durch und weckte ihre Zauberfingerchen mit Schütteln auf – als ob das jemals etwas gebracht hätte – aber entwickelte man in einer Notlage nicht immer ungeahnte Kräfte? Anna war mutig genug, um es auszuprobieren. „Nein! So habe ich das nicht gemeint! Du wirst doch nicht?“ Da wurde Gustavs Zetern auch schon von Annas Zauberspruch übertönt:

Ritsche, rutsche, ratsche

Wir erheben uns aus der Patsche!

Ohhh, und wie sie sich erhoben! Gustav strampelte mit den Beinen in der Luft. „Anna! Ich habe keinen Boden mehr unter den Füßen! Annnaa! Ich kann mich nicht halten! Es dreht sich alles!“, rief er aus vollem Halse. Das Hexlein konnte ihm vor Lachen nicht antworten. Auch Kamilla kicherte wild. Wie das Hexlein und der Zwerg beim Schweben nach links und rechts kullerten, mal kopfüber und Zipfelmützenunter waren, war einfach zu lustig!

Quaaaaak! Quaaahaaak! Quak! Quak! Mit einem Hickser hielt Kamilla inne. Dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Ja! Das ist es! Macht so weiter! Mehr Schwung und mehr Drehungen, bitte! Tanzt!“, rief die Fee Anna und Gustav fröhlich auf. „Wir geben unser Bestes!“, flötete Anna. „Nichts da!Beende das! Sofort!“, japste Gustav. „Noch einen kleinen Moment, ich muss nur jemanden finden!“, vertröstete ihn Kamilla und flatterte auch schon dem Quakgeräusch nach.

Das Quaken wurde immer lauter. Kamilla musste nicht lange suchen, da lag sie auch schon vor ihr: mehr Matsch als Kröte. Ihr schwabbeliger Bauch wackelte. Die klebrig lollende Zunge hing weit aus dem breiten Maul, das vor Lachen weit geöffnet war. Kamilla beeilte sich, die Phiole von ihrem Gürtel zu lösen. Sie hielt das Glasfläschen genau unter das Auge der Kröte, aus dem Lachtränen herausquollen. Nach sieben Tränen verschloss die Fee die Phiole mit einem Korken und tätschelte den warzigen Kopf. „Sehr schön gemacht, liebes Krötlein! Wir haben für deine Tränen auch eine sehr gute Verwendung“, bedankte sie sich bei dem Matschepatscher und machte sich schnell wieder zu Anna und Gustav auf.

Anna war schon ganz schwindelig. Im Augenwinkel sah sie gerade noch Kamilla heranbrausen, bevor es schon wieder in die nächste Drehung ging. „Kamilla! Langsam geht uns die Puste aus! Ich möchte uns jetzt gerne zurück wünschen!“ „Alles sonnscheinfein! Ich habe, was wir brauchen!“, rief ihr Kamilla entgegen. „Riesenfurz und Spinnenbein! Das wurde aber auch Zeit!“, jammerte Gustav nur noch ganz schwach. Die Fee schnappte sich wieder sein Ohr und ein Stück von Annas schlammiger Pyjamahose und schon verschwanden sie in einem hellen Lichtball und hinterließen sehr zur Freude der Kröte, bunte Punkte auf Matschepampe und Warzenhaut.

Kapitel 4

Gläser mit Donnerwumms und Knallfroschpups hüpften klirrend, knatternd, grollend auf ihrem Regalplatz hoch. Das brachte die Wurmwiblscher in ihrem kleinen Planschbecken zum Luftblasenwabbeln, was wiederum die Ringelschlange Fritzi vor Schreck von Kratzbaum fallen ließ. Mit einem Plumpser landete Anna in Mamas Plüschsessel und die Schlange weich auf ihrem Schoß. „Fritziii! Puh! Da haben wir aber noch einmal Glück gehabt“, keuchte Anna und drückte der Schlange drei Küsschen auf das schuppige Köpfchen.

„Schön, dass wir direkt in der Hexenküche gelandet sind! Aber warum zur Wildschweinborste kann ich nicht auch einfach mal Glück haben? Nein! Aus! Hör gefälligst auf an meinem Bart zu schnüffeln!“, meckerte Gustav, während er versuchte, die Ranken einer aufdringlichen Efeudia von von seinem Gesicht zu ziehen. „Sie will doch nur kuscheln! Du darfst zu einer Efeudia nicht so gemein sein! Sonst verletzt du ihre Gefühle.“ Wie zum Beweis, raschelte das arme grüne Ding ganz leise. Kamilla eilte herbei und nahm so viele bibbernde Blätter wie sie nur konnte in ihre Arme. „Ist ja schon gut. Der Grummelzwerg hat es nicht so gemeint“, säuselte sie der Pflanze zu, während sie Gustav mit einem bitterbösen Blick zuwarf. „Er wird sich auch gleich bei dir entschuldigen, denn es sind deine wunderschönen Blätter, mit denen die Zaubersalbe gegen sein grässliches Rückenjucken hergestellt wird!“ Gustav presste die Lippen zusammen, dann öffnete er sie nur einen spaltbreit, da immer noch jede Menge Ranken in seinem Bart verhakt waren: „Tschuldigung.“ „Geht doch! Mit ein bisschen Hilfe klappt das doch mit dem Nettsein!“, stellte Kamilla mit einem schiefen Grinsen fest.

Anna sah, wie Gustav unter dem ganzen Grün ganz rot vor Zorn wurde. Bevor noch Rauchwölkchen unter seinem Hut hervorpufften, erinnerte sie alle schnell daran: „Jetzt müssen wir uns aber an die Zubereitung des Zaubertranks machen! Die Nacht ist schließlich nicht ewig lang.“ Die Hexe erhob sich mit Fritzi im Arm schwungvoll aus dem Sessel und legte die weggeschlummerte Schlange auf ihrem Lieblingsast des Kratzbaums ab. Sie streichelte ihr noch einmal über die glatte Schuppenhaut und drehte sich dann entschlossen Kamilla zu. „Was kommt nun genau in den Zaubertrank, außer …?“ Annas Augen wurden ganz groß, da ihr gerade eine Befürchtung wie spitze Spinnenbeine den Rücken hinunter krabbelte. „Ich habe die ganze Zeit nur an diese besondere Zutat gedacht. Hoffentlich hat Mama auch die anderen Zutaten da!“

Kamilla winkte ab. „Also, wir brauchen: Zwei Federn von einer weisen Eule, einen Esslöffel Ohrenschmalz von einem Schlaufuchs, vier Messerspitzen Staub von alten Bibliotheksbüchern und noch das Echo von einem schimpfenden Geisterlehrer.“ Die Fee sah sich kurz um und nickte zuversichtlich. „Also alles Zutaten, die in jeder gut sortierten Hexenküche vorrätig sein müssten.“ Anna atmete erleichtert auf. „All diese Dinge habe ich Mama schon einmal benutzen sehen. Jetzt muss ich mich nur noch dran erinnern, wo sie zu finden sind…“ Die kleine Hexe drehte sich mit einem Finger auf den Lippen einmal um sich selbst, dann lief sie los.

Während Anna ein Töpfchen hier und ein Tiegelchen da auf den großen Holztisch stellte, machte sich Gustav daran, den Hexenkessel anzufeuern. Trotz dem, dass er seine Aufgabe sehr wichtig und verantwortungsvoll befand, konnte er das Schimpfen nicht sein lassen: „Kaum hat sich diese Kletterpflanze aus meinem Bart verzogen, muss ich befürchten, dass ein Feuerfunke ihn in Brand setzt! Das euch mal eins klar ist: Für diesen Zauber riskiere ich Bart und Leben! Und du!“ Gustav schaute mit wildem Blick zu Kamilla auf, die es sich auf dem Flauschesessel gemütlich gemacht hatte. „Hast uns noch nicht mal verraten, was wir für eine ach so besondere Zutat aus dem Moor mitgebracht haben!“

Die Fee fragte zuckersüß nach: „Wie war das bitte?“, dann hängte sie nun mit etwas Schärfe auf ihrer blauen Zunge an: „Ich spreche nur mit höflichen Zwergen!“ Gustav hörte augenblicklich auf mit dem im Feuer herumzustochern. Er wirbelte herum, um Kamilla eine passende Antwort entgegen zu pfeffern. Das war allerdings etwas zu schnell gewirbelt, denn der arme Gustav trat sich dabei selbst auf den Fuß und landete ganz verdutzt dreinschauend auf seinem Latzhosenpo.

Kamilla kreischte los vor Lachen und auch aus Annas erst zurückhaltendem Glucksen wurde ein lautes Prusten. Selbst die Wurmwibschler machten in ihrem Aquarium Lachluftblasen. „Witzig, wirklich sehr witzig!“, grummelte Gustav. „Das ist es in der Tat!“ Kamilla hielt sich den kribbelnden Bauch. Sie musste warten, bis sie nach dem wilden Japsen wieder ordentlich Luft bekam. Dann sagte sie ganz ernst: „Genauso wie euer Schwebetanz im Moor! Und das…“ Kamilla löste ein kleines Fläschchen mit einer giftgrünen Flüssigkeit von ihrem Gürtel. „hat uns die Lachtränen einer Kröte beschert: die geheime Zutat für den Zauberschlautrank.“

Kapitel 5

„Darf ich?“, fragte Anna voller Ehrfurcht. „Natürlich! Schließlich war es doch dein gelungener Zauber, der dem lieben Krötlein ein Lachen entlockt hat!“, freute sich Kamilla für die Hexe. Anna fand, dass sie das nicht so stehen lassen konnte. Deshalb gab sie ehrlich zu: „Ich hatte aber etwas anderes als das Schwindeligschweben im Sinn. Wenn man es genau nimmt, ist mein Zauber also schon wieder schief gegangen.“ Sie nahm das grün leuchtende Fläschchen vorsichtig aus Kamillas feinen Krallen. „Und eigentlich wollte ich auch nichts mehr mit Kröten zu tun haben. Aber diese Kröte hat mir Glück gebracht! Bald werde ich eine richtig tolle Hexe sei… Oh, nein! Was ist das?“ Sobald Anna die Finger um das Glas geschlossen hatte, fing das Giftgrün wie in einer zu doll geschüttelten Limo zu britzeln an. „Ich habe nichts gemacht! Nicht gezaubert, oder sowas!“, rief Anna panisch.

Kamilla klatschte begeistert in die Händchen. „Toll, toll, toll! Es fängt schon an! Anna! Du gießt die Lachtränen in den Hexenkessel. Denk dran: vier Tropfen! Gustav und ich kümmern uns um das Abmessen der anderen Zutaten“, verteilte die Fee die Aufgaben und flog auch schon zum Eichentisch, um sich das Töpfchen mit dem Schlaufuchsohrenschmalz zu schnappen. „Ich werde aber auf keinen Fall das Einmachglas mit dem Geisterschimpfen öffnen! Ich habe von eurem Geplapper sowieso schon Ohrenschmerzen!“, verkündetet Gustav, während er sich kräftig an einem Stuhlbein nach oben zog. Kamilla schnüffelte an dem Töpfchen vor sich und zog das Näschen kraus. „Puh! Anfassen möchte ich das aber auch nicht!“, sagte sie leise zu sich selbst. Für den Zwerg hatte sie allerdings kein Mitleid übrig. Laut schalt sie ihn: „Sei nicht so empfindlich!“

Anna drehte den gelösten Korken der Flasche nervös in ihrer Hand. Mit einem Mal überrollten sie Zweifel wie stinkiges Tümpelwasser. Was wenn auch dieser Zauber schief ging? Warum sollte es diesmal klappen, wenn ihr Hexen doch bisher ein völliges Desaster war? All die Mühe, all die Hoffnung umsonst… Die Schultern der Hexe hoben und senkten sich mit einem tiefen Einatmen. „Nein! Daran darf ich gar nicht denken! Es wird funktionieren! Vielleicht muss ich einfach nur…“ Der erste Tropfen fiel zischend in den Hexenkessel, der zweite, dritte, vierte… „etwas mehr Lachtränen hineingeben, damit es auch wirklich nichts schief geht.“ Nach dem siebten Tropfen machte Anna das Fläschchen wieder zu. Kamilla und Gustav waren so mit Zanken beschäftigt gewesen, dass sie gar nicht noch einmal nachgehakt haben, ob Anna wirklich nur vier Tropfen in den Hexenkessel gegeben hatte.

„…und noch die letzte Zutat“, flötete Kamilla und öffnete mit einem Klack den Verschluss des scheinbar leeren Einmachglases. „WENN DUMMHEIT QUIETSCHEN WÜRDE, MÜSSTEST IHR GEÖLT WERDEN!“ „ICH SAGE, WENN ES PAUSE IST! NICHT DIE KLINGEL!“ Den letzten Schimpfer hörte Anna nur gedämpft, denn sie hatte sich die Ohren zugehalten. Als Kamilla ihren Daumen hoch machte, nahmen Anna und Gustav ihre Hände herunter. Gleich hörten sie die glockenklare Stimme von Kamilla verkünden: „Es ist vollbracht. Der Zauberschlautrank ist fertig.“

Kamilla holte hinter ihrem Rücken gleich einen großen Löffel hervor. „So. Dreimal schön voll machen und kräftig runterschlucken, bitte.“ Anna hielt sich die Nase zu. „Das sieht aus wie Krötenschleim und riecht wie Papas Socken nach dem Sport!“ Kamilla rührte noch einmal kräftig um. „Es riecht nur ein bisschen streng… merkwürdig – na gut ekelhaft. Aber schmecken soll der Zaubertrank nach Brennnesseln und frischem Sommerwind.“

Gustav hielt es nicht länger aus. Für ein bisschen Hokuspokus hatte er im Moorschlamm gebadet, musste sich von einer winzigen Fee herumkommandieren lassen und jetzt bekam er wegen der Stinkebrühe auch nicht mehr genug Schönheitsschlaf! Der Zwerg hüpfte hoch, schnappte sich den Löffel aus der Feenhand und streckte ihn Anna entgegen. „Wehe du kneifst jetzt!“, knurrte er. Sein rechtes Auge zuckte ganz gefährlich. „Natürlich kneif‘ ich nicht!“Anna musste den Löffel aus seiner Faust ziehen, so fest hatte Gustav ihn umklammert.

Trotz seiner Zweifel war auch er genauso gespannt wie die ganz aufgeregt flatternde Fee, als Anna den letzten Rest schlürfte. „Hast du den Sommerwind rausgeschmeckt? Wie fühlst du dich? Merkst du schon was?“ Kamilla flog ganz nah an die Hexe heran. Prüfte, ihr Gesicht auf Warzen, schaute, ob aus den Ohren Ranunkeln wuchsen und hob ihr Augenlid, um kein Aufblitzen von Grün zu verpassen. Hastig tastete nun auch Anna über Gesicht und Arme. „Also ich fühle mich nicht anders. Sehe ich anders aus? Sagt doch was!“ Anna warf Gustav einen flehenden Blick zu, der immer die Wahrheit sagte, sei sie auch noch so mies. „Tulpenrote Haare, elf Sommersprossen auf der Nase, lächerlicher Pyjama mit grinsenden Kürbissen drauf, Loch in der linken Socke – alles noch wie vorher“, kommentierte er.

Anna nickte langsam. „Jetzt weiß ich nicht ob ich erleichtert sein soll, oder nicht“, gab sie etwas hilflos zu. Kamilla flog auf ihre Schulter und tätschelte ihre Wange. „Der Zaubertrank muss bestimmt noch ein paar Stunden einwirken. Jetzt holen wir uns noch einen Eisenhut voll Schlaf und und morgen bläst du im Zauberunterricht den Hexen die Hüte vom Kopf!“ „Ist Eisenhut nicht – uahhh – giftig?“ Anna musste laut gähnen. Kamilla streckte die müden Glieder und murmelte: „Du sollst ja nur darin schlafen und nicht davon naschen…“

Kapitel 6

„Warum hocke ich eigentlich schon wieder auf einem Fensterbrett?“, beschwerte sich Gustav am nächsten Morgen. „Weil Anna diesen wichtigen Zauber ohne deine neunmalklugen Ratschläge und meine zauberhafte Hilfe machen muss. Und jetzt sei still! Der Unterricht fängt an“, zischte Kamilla zurück.

KLACK KLACK KLACK Frau Hokusina Flitterflanz ließ ihren Zauberstaub auf das Lehrerpult sausen. Die lärmenden Hexenkinder hörten sofort auf, durcheinander und übereinander weg zu plappern. „Gut, gut. Da ihr euch in Unterhaltungen anschreit, dachte ich schon, ihr hört nicht mehr so gut und ich müsste euch Eulenohren zaubern.“ Anna sah von ihrem Platz in der zweiten Reihe aus genau, dass zu den Falten um die Mundwinkel von Frau Flitterflanz ein paar mehr von einem versteckten Grinsen dazugekommen waren. Frau ließ es jedoch schnell wieder hinter einer Sauertopf-Miene verschwinden. „Da gestern wegen eines schief gelaufenen Zaubers eine schief singende Kröte die anderen Kröten nicht zu Wort hat kommen lassen, werden wir die Zauberübung heute noch einmal wiederholen. Dafür habe ich ein ganz besonderes Exemplar mitgebracht.

Die Hexe griff in den weiten Ärmel ihres Knitterpullovers. „Na komm schon, meine Liebe. Zeig den Kindern dein süßes Knautschgesicht!“, säuselte sie dabei leise. In dem Ärmel wanderte eine dicke Beule auf die lockend wackelnden Finger von Frau Flitterflanz zu. „So ist es brav“, gurrte die Lehrerin. Mit einem zärtlichen Blick präsentierte sie den Kindern die hässlichste Kröte, die Anna je gesehen hatte. „Sagt „Hallo“ zu meiner Hauskröte Rosalinde.“ „Hallo“, echote die Klasse monoton. Rosalinde leckte mit ihrer klebrigen Zunge über ihr linkes Auge und schaute dann wieder gelangweilt drein. Frau Flitterflanz strich liebevoll über die vier Warzen auf ihrem graugrünen Kopf. „Ich wüsste gerne, was meine Rosalinde so zu sagen hätte. Wer zeigt mir also, dass er den Zauber beherrscht und lässt die bestimmt ganz honigsüße Stimme meiner Rosalinde erklingen?“

Annas Finger schoss kerzengerade in die Höhe. Das war ihre Chance! „Ja, Anna.“ Frau Flitterflanz strenger Blick ließ ihren Finger und ihren Mut etwas sinken. Trotzdem sagte sie entschlossen: „Ich würde gerne zeigen, dass ich doch eine gute Hexe sein kann.“ Hinter Anna fing jemand an zu singen: „Alle meine Entchen…“ Gustav machte auf dem Fensterbrett einen Satz nach vorne. Er schob seine Hemdsärmel hoch. „Wer war das? Dem werde ich mal ein paar Entchen zeigen!“ Kamilla zog den aufgebrachten Zwerg zurück. „Nein! Du verdirbst noch alles! Bevor Anna uns nicht fragt, dürfen wir uns nicht einmischen! Schau! Die Lehrerin will schon was sagen!

Und wirklich: Frau Flitterflanz schimpfte auch gleich los: „Braucht da etwa jemand zu den Eulenohren auch noch einen Schnabel? Ich dulde keine Frechheiten in meiner Klasse! Jeder hat eine zweite Chance verdient. Schließlich wollen wir hier etwas für das Hexenleben lernen!“ Frau Flitterflanz setzte Rosalinde vor Anna auf den Tisch. „Nun, Anna. Wärest du so nett und würdest den Zauber wirken, der meine Kröte zum Reden bringt?“, forderte die Lehrerin die kleine Hexe heraus.

Anna schluckte den dicken Kloß in ihrem Hals herunter. „Also los. Es kann ja nichts schief gehen!“, sprach sie sich in Gedanken selbst Mut zu – nicht laut, schließlich sollte Frau Flitterflanz nichts von dem Zauberschlautrank erfahren. Anna nahm ihren Zauberstab zur Hand. Warum kribbelten ihre Finger bloß so merkwürdig? Das musste jetzt wirklich die Wirkung des Zaubertranks sein! Anna zögerte lieber nicht länger. Sie nahm einen tiefen Atemzug und sagte laut und deutlich:

Piraten wollen endlich in See stechen.

Du sollst jetzt sprechen!

Rosalinde klappte ihr Maul auf. Heraus kam eine dicke Blase, die langsam nach oben stieg. Annas Herz schlug so wild und laut wie die Trommeln zur Walpurgisnacht in ihrer Brust. Frau Flitterflanz seufzte schwer. „Schade. Der Zauber ist dir wohl wieder nicht ge….“ Weiter kam die Lehrerin nicht, denn die Blase platze und im Klassenraum ertönte eine Stimme, so kratzig wie von einer alten Dame, die zu viele Zitronenbonbons gelutscht hatte: Hokusina wechselt ihre Socken nur einmal in der Woche.“ Frau Flitterflanz riss entsetzt die Augen auf. „Was? Das stimmt doch gar nicht!“ Die Kröte machte ihr Maul auf. Eine weitere Blase quoll daraus hervor und zerplatze in der Luft. „Und ob das stimmt! Außerdem vergisst sie andauernd, wo die linken Socken sind und zieht dann zwei rechte an!“ „Oh, du gemeine Kröte! Wirst du das wohl vor den Kindern nicht ausplaudern!“, empörte sich die arme Lehrerin.

Die Kröte machte wieder das Maul auf. Eine Blase entkam. Verzweifelt versuchte Frau Flitterflanz sie einzufangen. Doch sie flutschte ihr unter den Händen weg und flog noch ein Stück weiter. Die Hexenkinder wollten gar nicht lachen. Aber wie ihre Lehrerin da so mit hochrotem Kopf nach einer Krötenspuckblase sprang, war einfach zu lustig. Anna lachte nicht. Das war ja alles so schrecklich! Hätte sie den Zauber doch bloß nicht noch einmal probiert! Was war das nur für eine blöde Idee mit dem Zaubertrank gewesen! Der hatte ihr das ganz und gar falsche Gefühl gegeben, dass sie doch etwas richtig zaubern kann! Jetzt war alles noch schlimmer als gestern! Hilfesuchend sah sie zu Kamilla, die auf dem Fensterbrett auf und ab flatterte. Da fiel Anna ein: Sie hatte ja noch ihren dritten Feenwunsch…

Kapitel 7

„Anna braucht uns!“ Sofort flatterte Kamilla los. „Du hast schon wieder vergessen, dass ich keine Flügel habe!“, rief Gustav ihr hinterher. Kopfschüttelnd sah er zu, wie die flinke Fee knapp über vor Lachen hochrote Köpfe hinweg und vorbei an der immer noch einer Spuckblase hinterherjagenden Lehrerin Flitterflanz flog. Er formte die Hände vor seinem Mund zu einem Trichter. Über die lärmende Klasse rief er so Anna zu: „Der Zauberspruch geht nicht besser! Wünsch‘ ihn zurück!“ Die kleine Hexe nickte ihm zu. Gustav nahm seinen Hut vom Kopf und strich sich damit über die vielen Sorgenfalten auf der Stirn. „Hoffentlich hat das Hexlein alles richtig verstanden.“

„Da bin ich! Schnell, dein dritter Wunsch!“, forderte Kamilla sie gleich auf, um keine Zeit zu verlieren. Dank des guten Rates von Gustav musste Anna nicht lange überlegen: „Ich wünsche mir den Wunsch noch besser!“ Kamilla hob eine feine Augenbraue. „Und du bist dir auch ganz sicher?“ „Dreimal-schwarzer-Kater-sicher. Gustav hatte die Idee. Er hat mir sogar noch viel Glück gewünscht!“, bekräftigte Anna ihren Wunsch. Kamilla zuckte mit den Schultern. „Na dann…“

Die Fee formte blitzgeschwind eine Kugel aus hellem Licht. Ganz verzückt von ihrem Wunderwerk, ließ Kamilla die Kugel in ihren Händen tanzen, bevor sie sie zur Kröte von Frau Flitterflanz pustete. Rosalinde ließ ihre klebrige Zunge herausschnellen und verschlang den Lichtkugel mit einem Happs.

„War das schon so, oder schauen Rosalindes Augen jetzt ein Stückchen mehr heraus?“, fragte Anna besorgt. Kamilla knabberte nervös an ihren Krallen. „Weiß nicht genau. Aber irgendwas ist nicht richtiiiiiig! Uaaah! Rosalindes Bauch bläht sich ja auf wie ein Luftballon!“ „Ein Luftballon, in dem es leuchtet und blitzt! Kamilla! Sie wird doch nicht etwa platzen!?“, rief Anna panisch.

„Rosalinde! Mein Schmuckstück! Was haben sie mit dir gemacht?!“ Frau Flitterflanz eilte zu ihrem Krötenschatz. Hastig nahm sie die arme Rosalinde in die Arme und drückte sie ganz fest an sich. In Rosalindes Bauch blitzte es rot, blau, grün und lila. Die Augen der Kröte quollen noch mehr heraus. Ihre Backen blähten sich auf. Heraus kam ein: Ööööööörks Gruuulp

Gustav rannte mit wedelnden Armen durch die Schulbankreihen. „Duckt euch! Das war nicht nur ein Riesenrülps! Gleich kommt aus ihrem Maul auch noch eine riesige…!“ „Konfettibombe!“, jauchzten die Hexenkinder.

Die Augen vor Staunen weit aufgerissen, sahen alle zu, wie die ausgerülpste Konfetti-Wabbelblase über ihnen durch die Klasse waberte. Sie schien einer streng vorherbestimmten Richtung zu folgen: direkt auf die Klassentür zu. Die öffnete sich mit einem kräftigen WUMMS und mit einem noch lauteren KABUMMS platze die Konfettibombe über dem Kopf der Oberhexe Eulfedia.

Oh, wie schön bunt die sonst graue Zwirbelfrisur war! Das Kleid aus den schönsten schwarzen Flicken hatte rote, gelbe, grüne, blaue und lila Punkte. Selbst im Gesicht trug die Oberhexe Eulfedia jetzt eine wilde Bemalung. „Das tut mir schrecklich leid, Eure Majestät! Der Zauberschlautrank ist meiner Tochter wohl nicht bekommen. Ihr tut es selbstverständlich noch viel mehr leid. Sie wird sich gleich bei Ihnen entschuldigen!“ Mama trat hastig hinter der Königin hervor und sah Anna mit einem besonders strengen Blick an.

Anna ließ den Kopf hängen. Sie sah auf ihre Hände. Die kribbelten noch immer. Nutzlos. Umsonst. Mama musste den Kessel mit dem Rest von dem Zaubertrank entdeckt und sich alles andere zusammengereimt haben. Sicher hatte sie sich nur Sorgen gemacht, wenn sie gleich die Oberhexe zu Hilfe gerufen hatte. Und gleich würde die sowas von mit ihr schimpfen. Anna holte stockend Luft. Sie straffte die Schultern. Sie würde alle Schuld auf sich nehmen. Gustav und erst recht nicht Kamilla, die ihr bei allem so tapfer zur Seite gestanden haben, durften auf keinen Fall Ärger bekommen! Anna schaute der Oberhexe Eulfedia fest in die orangegelben Augen und … die leuchteten mit einem Mal hell auf.

Die Oberhexe lachte. Ein ehrliches Lachen: so laut und herzlich, dass man gar nicht anders konnte als mit einzustimmen: die Hexenkinder lachten jetzt nicht mehr über Anna, sondern mit ihr. Frau Flitterflanz schniefte, kicherte und küsste ihrer nun wieder ganz putzmunteren, aber zum Glück nur noch quakenden Rosalinde erleichtert immer wieder auf das Warzenköpfchen. Sogar Mama vergaß ganz, dass sie eigentlich auf Anna super sauer sein wollte.

Eulfedia wischte sich ein paar letzte Lachtränen aus den Augenwinkeln. „Also das war mal ein wirklich guter Zauber!“ Anna schnappte sich schnell Kamilla, die gleich ausplaudern wollte, dass es eigentlich ihr Zauber war – das musste die Oberhexe ja nicht wissen. Eulfedia schaute nämlich nun ganz ernst drein, während sie langsam auf Anna zutrat. Anna wurden die Knie ganz weich, als die Oberhexe sie streng dazu aufforderte: „Trotz diesem – zugegebenen tollen bunten Zauberspaß – muss ich dich bitten, den Zauberschlautrank nicht noch einmal alleine zu brauen. Es hat einen Grund, warum ich die einzige Hexe bin, oder war, die das Rezept weiß.“ „Und welcher soll das sein? Anna wollte doch nur eine gute Hexe sein!“, wollte da Kamilla wissen.

„Na wir haben wir denn da? Eine kleine Fee!“ Eulfedia bekam noch ein paar mehr Fältchen um ihre Augen, als sie breit grinste. Die Oberhexe wusste nun genau, wer Anna die Geheimzutat verraten hatte. Aber böse konnte sie Kamilla nicht sein. Die Feen sollten auch weiterhin ihren Zauberstaub bekommen. Immerhin hatte diese Fee Anna zu einer Lektion verholfen. Darum gab die Oberhexe mit fester Stimme die Antwort, die auch alle anderen Hexenkinder hören sollten:

„Ich verrate euch nun ein Geheimnis: Die Magie kommt beim Hexen nicht durch den Spruch, sondern aus uns selbst. Wenn eine Hexe nicht an sich selbst und das, was sie bewirken möchte glaubt, geht jeder Zauber schief. Und darum ist der Zauberschlautrank für Junghexen auch so verführerisch und gefährlich zugleich: Man verlässt sich einfach auf Fuchsohrenschmalz und Bücherstaub, anstatt auf die eigene Kraft. Aber die sollt ihr ja gerade stärken. Das geht nur mit viel Krötenzauber-Übung und einer großen Portion Zuversicht und Mut.“

„Das hätte ich dir gleich sagen können! Man ist immer am besten dran, wenn man sich auf sich selbst verlässt“, merkte da Gustav an. „Als ob! Du bist doch der Erste, der Anna zur Seite steht!“, wies Kamilla den alten Besserwisserzwerg kichernd zurecht. Er grummelte etwas in seinen Bart von „aber wirklich nur im Notfall.“ Anna grinste. Sie ging in die Hocke und flüsterte Gustav unter seiner Zipfelmütze ein: „Was würde ich nur ohne dich machen?“, ins Ohr, woraufhin er ganz rot wurde.

„Ähmm, Anna…“ Ein Hexenmädchen zupfte nervös an ihren rabenschwarzen Zöpfen. „Könntest du uns verraten, wie genau du die Kröte gestern zum Singen gebracht hast?“ „Ja, das war eigentlich ziemlich cool. Vielleicht bringen wir ihr ja noch andere Lieder bei“, schlug der sonst so schüchterne Hexenjunge Magnus vor. Anna stiegen wieder Tränen in die Augen. Dieses Mal nicht vor Ärger über den misslungenen „Alle-meine-Entchen-Zauber“, sondern vor Freude darüber. „Das machen wir“, schniefte sie. Kamilla, die auf ihrem Lieblingsplatz, mitten zwischen Annas tulpenroten Locken saß, ließ sich wie eine Fledermaus kopfüber in das Gesicht ihrer Hexenfreundin hängen. Mit einem breiten Grinsen hielt die kleine Fee fröhlich fest: „Na, wenn das nicht heute dein Tag ist!“

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