Kapitel 1
Weißer Nebel kroch in ihren Traum. Er verschlang all die bunten Farben der Blumenwiese. Eben noch war Milda darüber hell jauchzend geschwebt. Nun sank sie traurig zu Boden. „Brrr…“ Milda krümmte die Zehen. Auch wenn sie von einem dichten, braunen Pelz bedeckt waren, spürte sie doch die Kälte an ihren Fußsohlen. Zitternd blickte sie sich um. Außer trübem Weiß war da aber nichts zu sehen. Milda bekam es mit der Angst zu tun. Es blieb ihr nur noch so wenig Zeit! Sie musste doch etwas finden! Etwas Wichtiges, etwas von Bedeutung, damit sie von Bedeutung war… Wie sollte sie das nun anstellen?
Da leuchtete in der Ferne mit einem Mal ein Licht auf. Ganz kurz. Wie ein flüchtiger Funke. Milda vertraute darauf, dass er blieb und machte einen Schritt nach vorne. Und noch einen. Vor Freude über Mildas Mut, leuchtete der Funke immer heller und heller. Bis er zu solch einem strahlenden Flimmern geworden war, dass Milda blinzeln musste. Ihre Lider flatterten. Das Moosmädchen erwachte.
Das Licht wärmte ihr das Gesicht. Die hellen Strahlen kitzelten sie an der Nase. Sie rieb sich kichernd darüber. „Guten Morgen liebe Sonne! Danke für deine Strahlen! Sie haben mich aus einem furchtbaren Traum geweckt.“ Milda schob die Bettdecke beiseite und setzte einen Fuß auf ihren Moosteppich. Er war weich und warm. Erleichtert grub sie die Zehen tief hinein. Zwischen ihren buschig, grünen Augen erschien eine kleine Denkfalte. „Eigentlich hat der Traum ganz gut angefangen. Ich hätte sie beinahe gefunden, weißt du: die schönste, wilde Rose. Doch dann kam der Nebel. Ich konnte nichts sehen und nicht weitergehen.“
„Ha! Milda sitzt noch in ihrem Bett! Das Haar steht ihr ja zu Berge! Ieehh! Sitzt da ein Käfer drin?!“ Das freche Moosmädchen Milli, steckte ihren Kopf durch Mildas Fenster und quiekte auf, als ihre Zwillingsschwester Myrte sie unsanft zu Seite schob. „Mach Platz! Ich will auch sehen!“ Myrtes schöner Mund verzog sich zu einem hässlichen Grinsen. „So wird sie nie Rosenkönigin! Nur die Schönste findet die schönste Rose! Au!“ Milli bohrte ihren spitzen Ellenbogen in Myrtes Seite. „Bild dir bloß nichts ein! Dieses Jahr werde ich die Rosenkönigin!“ Myrte gab Milli einen ordentlichen Schubser zurück. „Ha! Mit deinen schielenden Augen, wirst du die Rose sowieso nicht finden!“ Milli schnappte entsetzt nach Luft. Ihre grünen Backen blähten sich auf und entluden sich in einem fiesen Keifen: „Und deine Beine sind viel zu kurz! Ich werde die Erste sein!“ Schwupps war ihr Kopf mit den wippenden Zöpfen verschwunden. Milli stampfte wütend mit ihrem Fuß an dem ebenso kurzen Bein auf. „Das werden wir noch sehen!“ Und schwupps war auch sie verschwunden.
Mit drei langen Schritten war Milda am Fenster. Sie sah gerade noch, wie Milli über den umgestürzten Baumriesen rannte, vorbei an den dicken Moospolstern, unter denen die Mooslinge sich häuslich eingerichtet hatten. Sie jagte Myrte hinterher, die schon fast die Mitte der Lichtung erreicht hatte. Milda konnte über die Zwillinge nur den Kopf schütteln. Da summste es erst zwischen ihren wilden Moossträhnen und dann lauter neben ihrem linken Ohr auf. Mildas Hände schossen nach vorne. Gerade noch rechtzeitig, um den Sturz des armen Käferchens abzufangen.
„Entschuldige, mein lieber Freund. Über die ganze Zankerei habe ich dich da oben ganz vergessen!“ So behutsam wie möglich strich sie erst seine grüngoldenen Flügel glatt und sortierte mit sanften Stupsern die sechs Beine. Der Käfer drehte sich zweimal um sich selbst, breitete seine Flügel aus und flog durch das Fenster davon. „Machs gut! Und sei mir nicht böse! Wenn du dich das nächste Mal in mein Haar setzt, halte ich den Kopf ganz gerade. Versprochen!“ Milda winkte ihm nach, bis ihre Hand so schwer wurde wir ihr empfindsames Herz.
So war Milda nämlich: Jedes Lebewesen war ihr wichtig. Dabei war es dem Moosmädchen vollkommen egal, wie sie aussahen oder was andere von ihnen hielten. Milda wusste ganz genau: Jeder hatte etwas Besonderes an sich und verdiente es, in seiner ganzen Wunderbarkeit gesehen zu werden. Leider schien es, als Milda das nur allein wüsste. War man weder besonders schön oder besonders laut, übersahen einen die anderen – oder schlimmer noch: machten schlechte Witze.
Mildas Schultern sanken mit einem tiefen Seufzer herab. Vielleicht hatten Milli und Myrte recht. Vielleicht sollte sie es sein lassen, nach der Rose zu suchen. Selbst wenn sie sie fand, was brachte es schon, sie sich ins Haar zu stecken? Machte es sie dann zu einem besseren, schöneren Moosmädchen? Milda schniefte. „Wohl eher nicht! Pah! Rosenkönigin! Sie würden mich doch nur wieder auslachen!“ Traurig und enttäuscht, bevor sie mit der Suche überhaupt begonnen hatte, machte drehte sie sich wieder ihrem Bett zu. „Ich sollte mich einfach wieder unter meiner Decke verkriechen. Jawohl! Einfach weiter träu…“ Milda atmete scharf ein. Mit bebender Stimme verlangte sie nach einer Entscheidung, die sie schon längst getroffen hatte: „Und weiter wie in meinem Traum hinter dicken Nebelschwaden unsichtbar bleiben?“ Milda ballte die pelzigen Hände zu Fäusten. „Nein! Ich habe es gesehen: ein helles Licht. Das muss doch eine Bedeutung haben! Vielleicht ist für mich der Zeitpunkt gekommen zu scheinen!“ Schon jetzt erhellte sich ihr Gesicht mit einem breiten Lächeln. „Ich werde es herausfinden!“
Kapitel 2
Die Alten sagen, dass das Schönste nur im finstersten Dickicht erblüht. Milda ließ also die ihr so wohlbekannte Lichtung hinter sich und lief tief in den Wald hinein. So weit hatte sie sich noch nie gewagt. Was blieb ihr aber anderes übrig? Anfangs war sie noch frohen Mutes über Wurzel und Stein gesprungen. Doch schon bald reichten die tröstenden Strahlen von Frau Sonne nicht mehr durch das immer dichter werdende Blätterdach. Hohe Brombeerbüsche ließen ihren Weg in einem Gewirr aus dornigen Zweigen verschwinden. Milda zog sich das grüne Mäntelchen enger um die Schultern. „Ich schaffe das“, sprach sie sich selbst Mut zu und lief hinein.
Die Dornen rissen ihr das Mäntelchen fort, zogen an den zarten Moospflänzchen auf ihren Armen und zerzausten ihr das grüne Haar. Tränen sammelten sich in Mildas Augenwinkeln. Mit einer wirschen Handbewegung wischte sie sie weg. „Weitergehen“, trieb sie sich ängstlich, wütend und frustriert zugleich an. Aber wohin? Ging sie überhaupt noch gerade aus? Oder hatte sie sich in der Brombeerhecke verlaufen? Was, wenn sie nie wieder heraus fand? „Licht! Wo bist du! Zeig dich! Weise mir den Weg!“, schrie sie in die Dunkelheit. Milda blieb nun doch stehen. Spähte nach links und rechts, reckte ihren Hals nach vorne und schaute über ihre Schultern. Da war nichts. Kein Leuchten, nicht mal ein Flimmern. Das Moosmädchen schluchzte leise auf. Ihre Beine zitterten mit einem Mal wie Espenlaub. Milda sank auf den Boden und schlang schützend die Arme um die Knie. Vielleicht war das hier ja auch ein Traum und sie musste nur warten, bis das Morgenlicht sie weckte…
Lange Zeit war es bis auf das Pochen ihres viel zu schnell schlagenden Herzens unheimlich still. Dann hörte sie ein tiefes Brummen. Dann ein Knarren und Knacken, als würde man Holz entzwei brechen wollen. Dumpf drang eine tiefe, gequälte Stimme an ihr Ohr: „Ich halte das nicht länger aus!“ Es knarzte wieder. „Das juckt sooo schrecklich!“ Milda sprang auf die Füße. Da war jemand! Jemand, der ihr helfen konnte! „Hallo! Ich sitze im Brombeerbusch fest! Könntest du bitte laut „HIER!“ rufen, damit ich deiner Stimme folgen kann! Das wäre unheimlich nett!“ Das Moosmädchen bekam sofort eine Antwort: „Vorschlag von einem Notleidenden an einen anderen: Wenn du mir hilfst, das Jucken loszuwerden, leite ich dich aus dem Gebüsch!“ „Abgemacht!“, stimmte Milda erleichtert zu. „Abgemacht!“, brummte die Stimme, räusperte sich und rief sogleich ein kräftiges „HIER!“ Und dann noch einmal: „HIER!“, bis Milda den Weg nach draußen gefunden hatte.
„Puh! Danke. Ich habe es schon mit der Angst bekommen!“ Milda zupfte mit spitzen Fingern eine letzte hartnäckige Brombeerranke von ihrem Pulli und blickte auf. Die Schatten waren auch hier überall verteilt, aber zumindest waren ein paar von ihnen mausgrau und nicht rabenschwarz. Milda hätte die Suche nach der wilden Rose fortsetzen können. Sie sollte sich beeilen. Doch Milda nahm sich Zeit. Sie hatte noch eine Abmachung zu erfüllen. „Wo bist du, mein Retter? Juckt es dich immer noch so schrecklich?“, wollte sie wissen.
„Jaaa!“ Der zweite Eichenstamm von links knorkste und knarzte. Auf der borkigen Rinde schoben sich breite Augenbrauen zu einem furchigen Dreieck zusammen. Ein blassgrünes Auge blitzte ärgerlich auf, das andere war zugekniffen. Wo sonst wohl wie ein Astloch rund geformter Mund sitzen sollte, bog sich ein Halbkreis mürrisch nach unten.
„Wo?“, fragte Milda den schrecklich leidenden Eichenrindling. „Irgendwo an meinem Rücken.“ Es raschelte. Der Eichenrindling versuchte etwa zum siebenundsechzigsten Mal mit den unteren Zweigen die Stelle zu erreichen. Er stöhnte gequält auf. „Ich komme einfach nicht ran!“ „Lass mich das machen!“ Milda trat um ihn herum und ganz nah an den Stamm heran. Da lachte der Eichenrindling mit einem Mal laut los. „Was machst du da? Jetzt ist es ja noch schlimmer als vorher!“, japste er. Milda trat schnell einen Schritt zurück. „Entschuldige! Das war zu nah! Meine Moospflänzchen haben dich wohl gekitze…“ Milda legte den Kopf schief. „Moment! Das haben wir gleich!“ Zwischen den Rissen steckte etwas in der Rinde fest, das bestimmt nicht zu einem Baumstamm gehörte.
Milda zog an zwei schillernde Flügeln. Nicht sehr, denn die kleine Fee war schon ganz schwach vom langen Festhalten. Vorsichtig ließ Milda das mit letzter Kraft zappelnde Ding in ihre Hand rutschen. „Au!“ Milda setzte die Fee empört auf einem Stein ab und schüttelte ihren Finger, in die sich ihre spitzen Zähnchen gebohrt hatten. „Das war aber nicht nett!“ „Soll ich dir sagen, was nicht nett ist?“ Die Fee rappelte sich auf. „Nicht NETT ist es, eine Fee – an ihren Flügeln! – aus dem besten Versteck aller Zeiten zu ziehen! Jetzt finden mich meine Schwestern bestimmt sofort!“ Die Fee ließ die Schultern hängen und jammerte: „Dieses Mal wollte ich doch so gerne gewinnen.“
„Was machst du hinter meinem Rücken, Moosmädchen? Er juckt nicht mehr. Dafür höre ich jetzt aber zwei Stimmen!“ „Ich… wir kommen!“ Milda schnappte sich die schniefende Fee. „Diese kleine Fee…“ „Hanne“, piepste die Fee. Milda nickte und fuhr fort. „Hanne, war es, die in deinem Baumstamm ein Versteck…“ „Das beste Versteck aller Zeiten“, machte Hanne klar. Milda nickte wieder und verbesserte: „Das beste Versteck aller Zeiten gefunden hat.“ Das Moosmädchen holte tief Luft: „Könnte sie sich noch ein Weilchen weiter bei dir bleiben? Sie würde sonst nämlich im Versteckspiel mit ihren Schwestern verlieren. Vielleicht hast du ja eine Stelle, an der du nicht so empfindlich bist?“
Der Eichenrindling brummte. Dann hob er ein paar Äste, die von seinem Stamm wie ein Büschel Haare abstanden. Darunter kam ein kleines Astloch zum Vorschein. „Hier“, sagte er kurz, aber mit wohlwollendem Blick. Die Fee klatschte begeistert in die Hände und flatterte auch schon in ihr neues Versteck. Aus diesem zwitscherte sie heiter: „Danke! Hier ist es auch viel gemütlicher! So, jetzt bin ich aber still!“
Milda grinste von einem grünen Ohr zum anderen. „Auch von mir ein liebes Dankeschön.“ Das Moosmädchen tätschelte die raue Rindenhaut. Das ließ den Eichenrindling wieder laut auflachen. „Deine … hahaha… Moospflänzchen sind einfach zu kitzelig!“ Er schüttelte sich, sodass die Fee kurz quiekte und die Blätter in der Baumkrone raschelten. Eine einzige goldene Eichel fiel herab. Genau vor Mildas Füße. Zwischen dem tristen Braun und Grün leuchtete die Kostbarkeit wie ein heller Sonnenstrahl. „Nur zu. Heb sie auf. Sie ist ein Geschenk an dich“, ermunterte sie der Eichenrindling. „Oh, das wäre aber nicht nötig gewesen. Ich habe dir und auch der Fee Hanne gerne geholfen.“ Der Eichenrindling brummte wieder. „Ein Geschenk, das von Herzen kommt, weist man nicht zurück! Wer weiß, ob es dir nicht irgendwann von Nutzen sein wird.“
Milda ging in die Hocke und steckte sich die Eichel in die Hosentasche. „Dann danke ich dir recht schön.“ Milda schaute den Eichenrindling hoffnungsvoll an. „Du weißt nicht zufällig, wo es zur schönsten wilden Rose des Waldes geht?“ Der Eichenrindling rauschte mit seinen Blättern. „Du bist schon die Dritte, die mich das fragt.“ Milda ließ die Schultern hängen. Das mussten Milli und Myrte gewesen sein. Die Zwillinge hatten wohl schon einen weiten Vorsprung. „Aber“ Die knarzige Stimme des Eichenrindlings riss sie aus ihren trüben Gedanken. „ich habe den Moosmädchen nichts verraten. Sie haben mir nicht helfen wollen und waren obendrein noch ziemlich frech.“ Der Eichenrindling schob sanft einen dünnen Ast unter Mildas Kinn, sodass sie ihren Kopf heben musste. „Aber dir, meine Liebe, sage ich, dass du den linke Weg nehmen solltest. Auch wenn er nicht gerade ist, komme nicht von ihm ab und er wird dich zu deinem Ziel führen.“ Milda wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Das werde ich.“
Kapitel 3
Dem Moosmädchen war es etwas leichter ums Herz, jetzt, da sie den Weg kannte. Vielleicht überholte sie ja sogar Milli und Myrte. Nicht, dass sie gemein sein und ihnen die Rosenkrone nicht gönnen würde, aber der Gedanke, einmal selbst im Mittelpunkt zu stehen und endlich gesehen zu werden, erschien ihr immer verlockender. Zu ihrer guten Laune trug ein Liedchen bei, dass sie nun schon seit einer Weile begleitete. Aus ihren vorsichtigen Trippelschritten wurde ein Hoppserlauf mit wirbelnden Drehungen. Es war eine solch mitreißende Melodie, dass man gar nicht anders konnte, als dazu zu tanzen. Dazu gesellte sich das Plätschern eines Baches, der sich munter einen Weg durch braunes Laub bahnte.
Das Lied wurde immer lauter, bis Milda schließlich den Musikanten dazu fand. Die langen Beine angehockt, saß ein Wassermann auf einem großen Stein, inmitten des gurgelnden Bächleins. Seine blasse Wange schmiegte sich an eine Geige, der er mit einem Bogen in der mit Schwimmhäuten besetzten Hand diese wundervollen Töne entlockte. Milda wollte ihn in seinem Spiel nicht stören, trotzdem entkam ihr ein gehauchtes: „Wunderschön.“
Der Nök riss die Augen auf, als hätte sie das Wort des Lobes laut hinausgerufen. Er ließ die Geige sinken. Im Gegensatz zu seiner beschwingten Musik, lag in seiner Stimme Wehmut, als er von Milda wissen wollte: „Bist du etwa stehengeblieben, um mir zuzuhören?“ Milda schenkte ihm ein breites Lächeln. „Oh, nicht nur das!“ Sie vollführte noch einmal ein paar Drehungen und Hüpfer. „Ich habe sogar zu deinem Lied getanzt!“ Der Nök legte die Geige beiseite und applaudierte ihr. Milda fiel dann mit einem Grinsen in eine schwungvolle Verbeugung. „Danke, vielen Dank!“
Der Nök lachte gurgelnd auf, wurde dann aber wieder ganz still und nachdenklich. Er strich sich ganz schüchtern eine Strähne, die so schwarz war, dass sie einem schon fast blau erschien, aus dem Gesicht und fragte vorsichtig: „Würdest du noch ein Weilchen für ein zweites Lied bleiben? Ich habe es selbst komponiert! Nur leider will es niemand hören. Keiner traut sich in meine Nähe, aus Angst, ich könnte ihn zu mir ins Wasser ziehen.“
Der Nök sah Milda bittend an. Seine Augen waren so dunkelgrün wie ein tiefer Waldsee. Kurz fürchtete das Moosmädchen in ihnen ertrinken zu müssen. Sie schüttelte den Gedanken wie einen lästigen Käfer auf ihren Moospolstern ab. Der Wassermann hatte es verdient, dass man ihm zuhörte! Eigentlich hatte sie noch gutes Stück Weg zur schönsten wilden Rose vor sich… Doch Milda nahm sich Zeit. Sie raffte ihre Röcke und trippelte sich auf der Stelle schon einmal warm. „Nun denn! Ich bin bereit für ein neues Tänzchen!“
Der Nök strahlte über das ganze Gesicht, sodass die Schuppen auf seinem Wangen veilchenlila, silbergrau und himmelblau schillerten. Er vergeudete keine wertvolle Sekunde und fing gleich an zu spielen. Töne schoben sich wie im Wasser aufsteigenden Bläschen unter Mildas Füße und Arme. Die Moospflänzchen auf ihrem Kopf wippten wild hin und her, sodass es sie herrlich darunter kribbelte. Milda tanzte, wie sie noch nie in ihrem Leben getanzt hatte.
Auch der Nök konnte nicht länger ruhig auf seinem Stein stehen bleiben. Er sprang ans Ufer und schwang mit Milda das Tanzbein. Das Lachen der Beiden hallte durch den Wald. Der Nök wurde immer übermütiger. „Schau genau hin, liebes Mooschen, dieser Hüpfer ist nur für dich!“ Milda klatschte begeistert in die Hände. Von ihrer Freude noch mehr ermutigt, sprang der Nök mit seinen so hoch wie er konnte. Nur das Zurückkommen auf den Boden war mit den langen Beinen gar nicht so einfach. Sie verhedderten sich und der Wassermann landete mit einem schiefen Geigenton unsanft auf seinem Po. Dabei fiel ihm eine Perle aus der Hosentasche und kullerte durch das weiche Gras genau vor Mildas Füße.
„Ach du giftiger Knollenblätterpilz! Hast du dir etwas getan?!“ Milda beachtete die Perle gar nicht. Das Wohlergehen des Wassermannes war ihr viel wichtiger. Der Nök richtete sich stöhnend auf. „Das gibt nur ein paar blaue Flecken. Die können einen Wassermann nicht verunstalten“, sagte er leise lachend. Die Geige aber, hielt er ganz fest an seine Brust gedrückt. Er zupfte prüfend an den Saiten und atmete erleichtert aus. „Zum Glück ist meine Geige heil geblieben. Wenn sie entzwei gebrochen wäre, so wäre es mein kaltes Herz auch.“
Der Nök begann wieder auf seiner Geige zu spielen. Leichtfüßig schritt er um Milda herum. Sanfte Töne hüllten sie ein wie ein weiches Tuch. „Nun schau nicht so ernst. Es ist ja noch einmal alles gut gegangen. Ich bereue unseren Tanz in keinster Weise. Und das solltest du auch nicht.“ Er blieb vor ihr stehen und deutete mit dem Geigenbogen auf die Perle. „Diese Perle ist Geschenk für dich.“ Dieses Mal nahm Milda die von Herzen kommende Gabe gerne an. Schließlich hatte der Eichenrindling ihr gesagt, dass sie bestimmt irgendwann von Nutzen sein würde.
Milda ließ die Perle in ihre Hand rollen. Sie schimmerte wie helles Mondlicht auf einem stillen Mitternachtssee. „Hab Dank, lieber Nök.“ Der Wassermann senkte das Kinn und sprang mit einem fröhlichen Jauchzer wieder auf seinen Stein. „Aber bevor ich weitergehe, muss ich von dir wissen: Ist dies wirklich der richtige Weg zur schönsten wilden Rose des Waldes?“ Der Nök zog ärgerlich die dünnen, schwarzen Brauen zusammen. „Das haben mich heute schon zwei andere Moosmädchen gefragt. Allerdings waren diese nicht so nett wie du. Sie haben meiner Musik keinen Moment gelauscht. Sogar gelacht haben die beiden – allerdings nicht mit mir, sondern über mich!“ Der Nök ließ eine Hand in das Bächlein sinken und die Wellen über seine langen Finger tanzen. „Ich habe ihnen mit einem kleinen aber kalten Wasserschwall einen großen Schrecken eingejagt“, sagte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Ich habe noch nie jemanden mit so kurzen Beinen so schnell wegrennen sehen!“
Kapitel 4
Platsch! Etwas viel auf Mildas Kopf. Platsch! Platsch! Platsch! Auch auf ihre Schultern und zwischen die Flechten und Wurzeln vor ihren Füßen. Milda breitete die Arme aus und reckte das Gesicht nach oben. „Es regnet. Wie schön“, flüsterte sie. Manch einer hätte sich einen trockenen Unterschlupf gesucht und dort gewartet, bis der Schauer vorbeigezogen wäre. Doch Milda nahm sich Zeit.
Dieses Mal nicht für jemand anderen, sondern ganz allein für sich. Ihre Moospflänzchen waren von der anstrengenden Suche schon ganz blass geworden. Nun richteten sie sich im erfrischenden Regen wieder kräftig grün auf. Milda seufzte tief. Jeder Tropfen, der auf ihrer grünen Haut landete, spülte sie hinweg: die drängende Eile, die brennende Hoffnung auf eine verbesserte, schönere Milda. Das Moosmädchen schloss die Augen. Sie hörte auf das Platschen des Regens und spürte dem Kitzeln der hinab rinnenden Tropfen zwischen ihren Moospflänzchen nach.
Milda sog auch noch den letzten Tropfen auf. Nun war sie dazu bereit, auch noch das letzte Stück des Weges zu gehen. Sie öffnete die Augen. Noch ein bisschen mehr, als sie im dichten, dunklen Holz etwas sanft schimmern sah. Milda stemmte die Hände in die Hüfte. „Endlich lässt du dich blicken! Im Brombeerbusch hätte ich deine Hilfe dringend brauchen können! Aber lieber spät als nie! Also, liebes Licht, leuchtest du mir auch brav weiter?“ Ein klägliches Weinen und Wimmern war die Antwort.
Milda fasste sich erschrocken ans Herz. „Oh, nein! Ich habe ja nur an mich gedacht! Was ist mit dir, liebes Licht?“ Das Moosmädchen rannte schon so schnell sie ihre felligen Füße trugen. Sie formte die Hände zu einem Trichter an ihren Mund und rief: „Halte nur noch ein wenig durch! Ich komme!“
„HALT! Wer ein gemeiner Blumendieb ist, hat ihr keinen Zutritt!“ Milda kam schlitternd zum Stehen und stieß mit einem sehr düster dreinschauenden Männchen zusammen. Ein Finsterwicht hatte sich ihr in den Weg gestellt. Seine dürren Beine steckten bis zu den Knien in schweren Stiefeln, mit denen er schon tief im matschigen Waldboden versunken war. So konnte Milda dem Wicht geradewegs in die unter dem großen Schlapphut wie Kohle glühenden Augen blicken.
Das Moosmädchen hatte gar keine Zeit, sich zu verteidigen, denn schon spie er ihr aus dem langen krauselschwarzen Bart noch mehr Beleidigungen entgegen: „Unverschämt und gierig! Jedes Jahr ist es das Gleiche mit euch! Aber dieses Mal nicht! Heute musst du erst einmal an mir vorbeikommen! Die da“ Er zeigte mit spitzem Finger über seine Schulter. „habe ich schon abgefangen.“ Der Finsterwicht machte einen Schritt zur Seite. Sofort wurde ein Heulen und Jammern laut.
„Milly! Myrte! Ihr seid gewesen, die nach Hilfe gerufen haben!“ „Was denkst du denn? Nun zier‘ dich nicht länger und hol uns hier raus‘!“, rief Milly bissig aus ihrem Gefängnis hinter verknöcherten Wurzsträngen heraus. Myrte gab ihr einen kräftigen Stupps mit spitzem Ellenbogen und zischte ihrer Zwillingsschwester zu: „Wir müssen nett sein!“ Etwas lauter sagte sie, nun mit einer Stimme so süß wie klebriger Honig: „Bitte, liebe, gute und sehr hübsche Milda! Hilf uns in unserer Not!“
Der Finsterwicht krümmte sich von einem gehässigen Lachen. Er prustete und hustete. Nach einem Schenkelklopfer richtete er sich jedoch sogleich kerzengerade auf und nahm Milda wieder ins Visier. Der Finsterginster krächzte: „Die bleiben wo sie sind! Wegen den Gören hat meine schöne Rose zwei ihrer kostbaren Blätter verloren! Schau hin, wie schwach sie schon ist!“ Sein knorriger Finger wies auf das Leuchten, dem Milda gefolgt war: erst in ihrem Traum und dann nur den dunklen Wald.
Da war sie: in einem ausgehöhlten Baumstamm wuchs die wilde Rose stolz, umgeben von morschem Holz. Ein jedes ihrer zarten, rosafarbenen Blätter wie im Kreise tanzende Feenröckchen angeordnet. Milda war ganz still vor Staunen und auch die Zwillinge hörten für einen Moment mit dem Wehklagen auf. „Sie ist schön, nicht? Jeden Tag wandere ich durch den finsteren Wald und sammele Lichtstrahlen für sie ein“, warf der Finsterwicht stolz in die ehrfürchtige Stille hinein. „Ihr solltet sie mal sehen, wie sie dann funkelt und strahlt!“, fügte er aufgeregt hinzu, erschrak sich dann aber vor seinen eigenen Worten. Sein Gesicht verfinsterte sich augenblicklich. „Was rede ich da! Auf keinen Fall solltet ihr neidisches Pack das sehen!“, erinnerte er die Moosmädchen daran, dass sie hierher gekommen waren, um sich mit der Schönheit der Rose zu schmücken.
Das Leuchten der wilden Rose verschwand vor Mildas Augen, als sich der Finsterwicht vor seinen Schützling schob. „Hier!“ Der Finsterling warf ihr etwas vor die Füße. „Lass deine Freundinnen heraus, damit ich ihr dummes Geheule nicht länger hören muss! Meine Rose und ich wollen unsere Ruhe haben! Verschwindet und kommt nie wieder!“ Beschämt hob Milda den Schlüssel für das Wurzelgefängnis auf. Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Mit hängenden Schultern ließ sie Myrte und Milli frei.
Als die Zwillinge dem Wicht und seiner Rose nicht nur giftige Blicke, sondern auch giftige Worte zuwerfen wollten, hob Milda die Hand. „Es reicht, ihr Beiden! Ihr habt den ganzen Weg lang nur an euch gedacht! Habt Geschöpfe in Not lachend hinter euch gelassen! Und das allerschlimmste ist….!“ Milda versuchte die Tränen zurückzuhalten. Es wollte ihre nicht gelingen. Ihre Stimme war ganz wackelig, doch sie musste es aussprechen: „dass ich am Ende auch nicht besser als ihr bin. Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, dass die Rose für meine Eitelkeit schon bald ihre Schönheit hätte lassen müssen. Wir sind wirklich Diebe“, gab Milda zu.
Der Finsterwicht hatte die dürren Arme vor der Brust verschränkt und nickte zufrieden. „Sag ich doch!“ Milda griff in ihre Manteltasche, was den Finsterwicht einen Schritt zurückweichen ließ. „Was hast du jetzt vor? Willst du meine Rose etwa doch abschneiden?“ Milda schüttelte heftig den Kopf und beeilte sich, dem Finsterwicht zu zeigen, was sie für die Rose hatte. Sie streckte dem Finsterwicht ihre offene Hand entgegen. Darauf lagen die goldene Eichel des Eichenrindlings, die wie die Sonne strahlte und die mondscheinhelle Perle des Nöks und ein wie Sterne glitzernder Wassertropfen, die sie mit ihren Moospflänzchen eingefangen hatte. „Nimm bitte diese Lichtgeschenke als Wiedergutmachung an. Die schöne, wilde Rose soll die schönste Rose bleiben. Nichts und niemand soll ihr mehr ihr Strahlen nehmen können.“
„Was habt ihr davon?“, schnappte der Finsterwicht voller Misstrauen. Milda hob das Kinn. „Ich möchte mit innerer Schönheit glänzen und andere nicht mit gestohlener Schönheit blenden.“ Sie warf den Zwillingen über ihre Schulter einen strengen Blick zu, während sie klar machte: „Das gilt übrigens auch für Milli und Myrte.“ Die Beiden klappten den Mund auf, überlegten es sich aber doch anders und pressten schmollend die Lippen aufeinander.
„Nun, gut. Ich nehme deine Geschenke an – nicht weil ich dir gleich verzeihe, sondern weil ich weiß, dass es meine Rose tut.“ Der Finsterwicht schnappte sich Eichel, Perle und Wassertropfen und legte sie ordentlich vor seine Rose hin. Ihr Leuchten ließ die Kostbarkeit sofort erstrahlen und schenkte ihren zarten Blütenblättern neue Glitzerröckchen. Die Moosmädchen und der Finsterling waren so ergriffen, dass sie sich an den Händen nahmen und vor Glück und Wonne seufzten.
„Ähhemm!“ Der Finsterling ließ Mildas Hand los und wischte sie sich an seiner Hose ab. „Da du so gerne Geschenke verteilst… Komm wieder, wenn du Neue hast. Die Rose“ Er senkte den Kopf und nuschelte in seinen Bart: „und vielleicht auch ich, würden uns freuen.“ Milda strahlte – von innen und von außen. „Das mache ich sehr gerne.“ Ihre Mundwinkel hoben sich noch ein Stückchen weiter. „Aber nur, wenn Milli und Myrte auch mitkommen dürfen. Bis zu unserem nächsten Besuch werden sie sich nämlich sehr darum bemühen, ihr inneres Leuchten genauso schön wie die Rose erstrahlen zu lassen.“
Milli und Myrte schauten zuerst Milda, dann einander verdutzt an. „So? Wollen wir das?“, fragte Myrte ihre Schwester. Milli schaute sie scharf nachdenkend, die Augen zu Schlitzen gezogen an. Mit der neuen, tollen Idee erschien ein breites Lächeln in ihrem grünen Gesicht. „Natürlich wollen wir das! Und ich werde der Rose zweimal so viele Geschenke bringen als du!“ Das Moosmädchen kehrte sich auf der Stelle um und machte sich sofort an die Sache. „Das werden wir noch sehen!“, rief Milli in den dunklen Wald und rannte ihrer Schwester hinterher.

